„Merkel hat mir keine konkreten Antworten gegeben“ – Junger Krankenpfleger erklärt bei „Markus Lanz“ den Pflegenotstand

Moderator Markus Lanz führte einmal mehr durch eine sehr themenreiche Sendung. (Bild: ZDF/Juliane Werner)

Menschenunwürdige Zustände in der Krankenpflege, Kindererziehung und eine bewegende Lebensgeschichte: Das stand unter anderem bei „Markus Lanz“ am Dienstag auf dem Programm.

„Noch fünf Tage bis zur Bundestagswahl – was würden Sie Martin Schulz oder Angela Merkel noch fragen?“ — Diese Frage eröffnete die Talkrunde bei „Markus Lanz“ am Dienstag. Bestsellerautorin Susanne Fröhlich entschied sich für die Themen Bildung und Kinderarmut, während Unternehmer Dirk Roßmann ein ganz anderes Anliegen vorbrachte: „Ich würde ansprechen, dass wir in einer sehr verrückten Welt leben. Auf der einen Seite wird alles durch die Digitalisierung immer perfekter, unglaublicher, der ganze digitale Fortschritt. Aber wenn ich Menschen sehe, habe ich nicht das Gefühl, dass sie sich weiterentwickeln. Wir sehen es ja heute, dass selbst ein Land wie die USA von einem Menschen geführt wird, der sich damit brüstet, einer Frau zwischen den Schritt gefasst zu haben[…]. Die Menschen entwickeln sich eigentlich nicht weiter zu mehr Gelassenheit, mehr Ruhe“, so Roßmann. Welche Frage das wäre, so der Moderator. „Was tun wir, damit die Menschen wieder sich selbst erreichen?“, antwortete Roßmann – und machte einen Appell gegen ständige Erreichbarkeit und Smartphones.

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Konkreter in punkto Sachpolitik wurde es beim Gespräch mit Alexander Jorde. Der 21-jährige Krankenpfleger ist seit letzter Woche medial präsent, als er Kanzlerin Angela Merkel bei der ARD-„Wahlkampfarena“ mit mehreren Fragen zur Krankenpflege sichtlich herausforderte. „Es gibt Menschen, die liegen stundenlang in ihren Ausscheidungen“, hatte Jorde damals die drastische Lage geschildert – und erläuterte mit Verweis auf das Grundgesetz, dass hier die Würde des Menschen tausendfach verletzt würde. Von der Bundeskanzlerin forderte er Antworten – die diese ihm auch zu geben versuchte, allerdings nur wenig zufriedenstellend, wie er gegenüber Moderator Lanz erklärte: „Ich war überhaupt nicht zufrieden mit dieser Antwort. Sie hat mir ja auch keine konkreten Antworten gegeben, ich habe ja mehrmals versucht, sie in diese Richtung zu bringen, dass sie mal was Konkretes auf den Tisch legt.“

Krankenpfleger Alexander Jorde machte auf den Pflegenotstand aufmerksam. (Bild: Silas Stein/dpa)

In der Krankenpflege bedarf es großer Investitionen –schließlich bedeute eine Finanzspritze in Milliardenhöhe praktisch gesehen maximal ein bis zwei Fachkräfte mehr pro Krankenhaus. Dabei habe Krankenpflegepersonal zu wenig Zeit für die wichtige persönliche Interaktion mit den Patienten, erklärte Jorde: „Es kommt immer darauf an, wie viele da sind, wie viel Pflege der Einzelne benötigt, das ist ja auch immer sehr individuell. Aber lange, ausschweifende Gespräche sind nicht möglich. […] Viele ältere Menschen, die sehr einsam sind, die keine Familie mehr haben und wenn, die sehr weit weg wohnen, keine Freunde, keine sozialen Kontakte mehr – die brauchen diese Zuneigung und diese Gespräche, und dafür ist kein Geld da“.

Die fehlende Menschenwürde erläuterte er anhand eines praktischen Beispiels aus seinem Berufsleben: „Sehr viele Patienten sind aus dem Altenpflegeheim, die zu uns kommen […] Aber ich hatte auch mal eine Patientin, der ich beim Essen geholfen habe, weil sie nicht mehr so gut sehen konnte. Der habe ich auch angeboten, ihre Zahnprothese zu reinigen […] Dann hat sie mich verwundert angeguckt, ich habe das dann gemacht, und diese Frau ist dann tatsächlich in Tränen ausgebrochen. Ich dachte: ‚Was hab ich jetzt falsch gemacht?’ […] Aber das war es gar nicht. Das waren Freudentränen, weil die Frau mir gesagt hatte, sie hatte schon lange mehr kein so schönes Gefühl wie diese frischen Zahnprothesen. Dann habe ich sie gefragt, warum? Dann hat sie mir gesagt, weil in diesem Heim, aus dem sie herkam, war die Zeit dafür gar nicht da. Das muss man sich vorstellen: In einem Land wie Deutschland, das so reich ist, wo es so viel Wohlstand gibt, das es gar nicht nötig hat – wir sind ja kein Dritte-Welt-Land oder Land, das in der Not ist. Wir sind das stärkste Land in der Europäischen Union in vielen Dingen. Und dann ist da eine Frau, die sehr viel geleistet hat – und die freut sich so sehr darüber, dass ihr Mund mal sauber gemacht wird oder ihre Zähne, das kann man sich gar nicht vorstellen.“

Auch die Frage, ob Krankenhäuser kommerzielle Institutionen sein dürfen, stellte Lanz in den Raum. Krankenhäuser sollten nicht verstaatlicht werden, aber gemeinnützige GmbHs bleiben, argumentierte Jorde. Roßmann erläuterte seine Gegenposition anhand seiner eigenen Geschichte: Nach einem Herzinfarkt empfahl ihm sein Schwager die Rhön-Klinikum AG – eine börsennotierte Gesellschaft bestehend aus Krankenhäusern, Kliniken und Medizinischen Versorgungsstationen. Diese habe Roßmann aufgrund von deren Ruf und wegen bekannter Statistiken über Heilungschancen ausgewählt. „Vielleicht ist das auch ein Stück richtiges Deutschland: Dass ein Stück kommerziell ist“, so der Unternehmer. Von Jorde erntete Roßmann dafür heftigen Widerspruch. Der Unternehmer konterte: „Ich gebe Ihnen doch Recht, dass das eine ganz schwierige Gratwanderung ist […] Aber trotzdem tun auch häufig private Gesellschaften oft viel für unsere Gesellschaft – und sie machen es manchmal besser als der Staat.“ Schließlich sei es oft der Fall, dass staatliche Institutionen schlecht wirtschaften.

Über das Thema Kindererziehung sprach anschließend Autorin Susanne Fröhlich. „Ich glaube, dass es generell eine Menge Menschen gibt, denen es gut tun würde, wen sie ein bisschen mehr mit anpacken müssten und ein paar Dinge in ihrem Leben regeln müssten“, so Fröhlich. Kinder sollen nicht zu sehr verhätschelt werden. „Es ist eine Frage der Zumutbarkeit. Man kann Kindern zumuten, dass sie mal zur Bushaltestelle laufen und mit dem Bus fahren und dass sie nicht für drei Kilometer gefahren werden. Das ist doch nichts Schlimmes.“ Lanz bemerkte, dass es für eine Erziehung wichtig sei, „einen guten Sparringpartner“ zu haben, da es bei einer Vielzahl an Möglichkeiten auch viele falsche Abzweigungen gebe.

Als vierter Gast auf dem Podium saß der 95-jährige Fernsehjournalist Georg Stefan Troller, der aus seiner bewegenden Lebensgeschichte erzählte. „Ich musste etwas finden jenseits der Psychoanalyse, die ich nicht mochte: In seinem eigenen Unrat herumwühlen und das, auf dem Sofa liegend, jemand anderem zu übermitteln war nicht mein Bier. Die Chance, sich selber zu heilen, indem man sich mit den Problemen anderer Leute befasst, war das, was ich unbewusst damals – das war ja nicht mein Auftrag – zustande gebracht habe.“ Dem Fernsehen, so Troller, verdankt er sein Überleben. Troller flüchtete 1938 aus seinem Geburtsland Österreich vor den Nazis nach Frankreich, 1941 erhielt er ein Visum für die USA, zwei Jahre später wurde er für die Vereinigten Staaten zum Kriegsdienst eingezogen, war an der Befreiung Münchens beteiligt. Er war drei Tage nach Befreiung des KZs Dachau im Lager. „Einen Moment lang dachte ich, dass da ein verrückter Puppenspieler diese Leichen hin platziert hat […]“. Troller erzählte, wie seine journalistische Arbeit ihm geholfen habe, Dinge zu verarbeiten und auch Distanz zu ihnen zu schaffen.

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