Ein Transfer als erstes Ausrufezeichen

Ein Transfer als erstes Ausrufezeichen
Ein Transfer als erstes Ausrufezeichen

Ein Fußballspiel schien im Jahr 2024 relativ einfach definierbar zu sein. Es dauert 90 reguläre Minuten, hinzu kommt ein bisschen Nachspielzeit – und am Ende geht Xabi Alonso mit Leverkusen nie als Verlierer hervor, weil er mit seiner Aufstellung schon irgendwie recht behält. So holte Bayer neben der ungeschlagenen Meisterschaft auch den DFB-Pokal. Einzig Atalanta Bergamo konnte die beinahe unheimlich anmutende Serie von 51 Partien ohne Niederlage ausgerechnet im Finale der Europa League durchbrechen.

Dass die Unbesiegbarkeit der Werkself ein wahrhaftiger Dauerzustand war, hat offensichtlich viele gute Gründe - unter anderem auch physiologische. Das ständige Rotieren zur Bewältigung mehrerer Wettbewerbe ist längst eine Standarddisziplin der Trainer, doch der spanische Übungsleiter führte dieses Prinzip in den vergangenen Monaten auf ein neues Level und bezog fast alle seine Spieler mit ein. Nur einen nicht: Granit Xhaka. Der Schweizer hatte als zentrales Steuerungselement seinen festen Platz, Alonso verzichtete quasi nie auf seinen Strategen.

Da Xhaka weder durch Exequiel Palacios noch durch Robert Andrich adäquat zu ersetzen war, wirkte es trotz aller Erfolge fast so, als wäre Leverkusen auf eine ungesunde Art und Weise von ihm abhängig. 50 Pflichtspiele in einer Saison, insgesamt 4.156 Spielminuten - niemand im gesamten Bayer-Kader hatte mehr. Für den Leader, der in wenigen Monaten 32 Jahre alt wird, ist das auf Dauer nicht zu stemmen. Schon gar nicht, wenn die Belastung durch die Champions League bald weiter steigt und die internationalen Gegner nicht mehr Molde, Häcken oder Qarabag heißen.

„Aleix besitzt Führungsqualitäten“

Klar war deshalb: Bayer brauchte unbedingt einen zweiten Xhaka, einen weiteren erfahrenen Profi von internationalem Format. Und genau den hat man nun bekommen. Der spanische Nationalspieler Aleix Garcia unterzeichnete einen Vertrag bis 2029 beim Doublesieger. 18 Millionen Euro soll der Werksklub nach langen Verhandlungen an den FC Girona überwiesen – und die Ablöse damit um rund zwei Millionen Euro gedrückt haben. Nach wie vor viel Geld. Den Verein für Alonsos Wunschspieler aber offenbar wert, denn die Gründe liegen auf der Hand.

Der 26-Jährige hat fraglos das Zeug dazu, das zentrale Mittelfeld hochqualitativ ergänzen zu können. „Aleix besitzt Führungsqualitäten, die für uns in den kommenden Jahren sehr wertvoll sein werden. Wir sind froh, dass wir ihn verpflichten konnten, er ist ein wichtiger Faktor bei der Verwirklichung unserer ambitionierten Ziele“, sagte Geschäftsführer Simon Rolfes nach seinen, so sieht es jedenfalls aus, wieder mal gemachten Hausaufgaben, und charakterisierte seinen Neuzugang. Garcia sei ein Spieler „mit ausgezeichneten strategischen Fähigkeiten, er ist extrem passsicher und agiert von der Sechser-Position aus mit großer Übersicht“.

Beim Überraschungsdritten aus Spanien füllte Garcia die Rolle des pressingresistenten Ballverteilers und Taktgebers aus, der das Spiel jederzeit beschleunigen und verlagern konnte. Das Statistikportal FBref verrät, dass er in La Liga 2023/24 die meisten Flanken aller Akteure schlug, die zweitmeisten Pässe spielte, dazu die zweitmeisten raumgewinnenden Zuspiele und nach Toni Kroos auch die zweitmeisten Bälle in das letzte Drittel abgab. Was die Erfolgsquote bei Kurzpässen angeht, hatte er bessere Werte als 98 Prozent der anderen. Alles Aspekte, die auf fast schon kuriose Weise den Stärken von Xhaka gleichen.

Garcia will immer „90 Minuten für dieses Trikot“ rennen

Hinzu kommt: Garcia, mit seinen 1,73 Metern Körpergröße überaus beweglich, war auf dem Feld die rechte Hand von Gironas Trainer Míchel - genau wie es Xhaka für Alonso ist. Kein Wunder also, dass Leverkusens Meistercoach die spanische Passmaschine als vierten Mann auf der Sechs auserkoren hatte. Doch in seiner Rolle wird sich Garcia zumindest teilweise umstellen müssen. War er bisher sowohl Kapitän als auch Haupt-Führungskraft, sieht die Konkurrenz mit Xhaka, Andrich und Palacios nun ganz anders aus.

Immerhin kennt Garcia dieses Gefühl, sich durchbeißen zu müssen, schon aus dem spanischen Nationalteam, für das er zwei Länderspiele absolviert hat. Zuletzt erlebte der 26-Jährige dort eine ganz bittere Enttäuschung. Trainer Luis de la Fuente strich ihn wenige Tage vor dem Turnierstart etwas überraschend aus dem EM-Kader. Aber: Auf der anderen Seite konnte sein Transfer so frühzeitig über die Bühne gehen. Und Alonso darf sich dann zu Beginn der Vorbereitung auf einen ausgeruhten Garcia freuen, der im Gegensatz zu vielen anderen Bayer-Akteuren erstmal die Beine hochlegen kann. Das Projekt Titelverteidigung nimmt Formen an.

Garcia freut sich indes auf seine neue Aufgabe und versprach den Fans, immer „90 Minuten für dieses Trikot“ zu rennen. „Ich habe Bayer Leverkusen wie vermutlich die Fußballfans in ganz Europa bewundert für die außergewöhnlichen Leistungen in der zurückliegenden Saison. Dass ein solcher Verein so viel dafür tut, um mich zu holen, hat mich begeistert. Jetzt möchte ich die in mich gesetzten Erwartungen unbedingt erfüllen und meinen Beitrag leisten, damit dieses Team und der Verein weiterhin erfolgreich bleiben.“