"Tatort": Desperate Housewives in der Kölner Vorstadt

Der Blick von außen: Ballauf und Schenk ermitteln in der Vorstadt

Der Beginn dieses Tatorts würde jede Bausparer-Werbung eifersüchtig machen. Pharrell Williams’ „Happy“ dudelt über eine ruhige Straße mit kleinen Häusern und großen Gärten. Ein Mann feiert Geburtstag, seine Frau hat ihm einen Grill geschenkt. Eine andere Frau hängt Wäsche auf, während ihr Vater mit ihrer Tochter beim Sporttraining ist. Ein Mann gräbt seinen Garten um – was man eben so macht in der Bausparer-Werbung.

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Es wäre perfekt, blitzten, gerahmt von Musik und Liguster, nicht immer wieder kleine böse Blicke auf, die klarmachen: Es liegt was im Argen, hier im fast abbezahlten Paradies. Und so matscht, kurz vor Ende des Songs, der tote Körper des Mannes, der vorher noch gärtnerte, von einer Straßenüberführung vor einen Lastwagen und wird überrollt. Der Fahrer kotzt, die Polizei kommt. Auftritt Max Ballauf und Freddie Schenk.

Im Tatort „Nachbarn“ ermitteln die beiden Kölner Kommissare in der Vorstadt-Idylle – oder zumindest etwas, das danach aussieht. „Desperate Housewives!“, ruft das Unterbewusstsein des erfahrenen Serienjunkies, aber das ist nicht schlimm. Was vor fünf Jahren im amerikanischen Fernsehen funktioniert hat, muss heute im deutschen nicht schlecht sein. Und genau so, wie die Serie um dunkle Geheimnisse im Westküstensuburbia uns zum Voyeur machte, lässt auch „Nachbarn“ den Zuschauer hinter die papierne Fassade des menschlichen Zusammenlebens blicken.

Drei Fragen zu “Tatort: Nachbarn” aus Köln

Der Kreis der Verdächtigen besteht, wie der Titel schon sagt, aus den Nachbarn des Toten. „Nachbarn“ ist ein Kammerspiel, alle außer den Polizisten leben in der selben Straße. Das Problem: Keiner von ihnen will reden. Hinter halb vorgezogenen Vorhängen schauen sie auf die Kommissare. Die werden notgedrungen Voyeure, schauen vom Garten aus in die kleinen Leben. Immer wieder bröckelt die Fassade vor Ballaufs und Schenks Augen. Mit einem Nachbarn, dem sportbegeisterten Großvater, stritt der Tote sich über die Ausrichtung der Hecke, seine Enkelin und ein anderes Mädchen verjagte er zu Lebzeiten lauthals von seinem Trampolin. Normale Probleme in einem normalen Viertel.

“Desperate Housewives”-Flair beim Kölner “Tatort”

Zeigen, Voyeur, SM für Anfänger

Nicht ganz. Das Opfer, das finden Ballauf und Schenk ohne größeren Aufwand heraus, war ein Creep. Seine Möbel sind mit Folie überzogen, neben seinem Bett steht eine große Packung Papiertaschentücher. Er lebte von seiner Frau und seinem Kind getrennt, auf seinem Computer sind jede Menge Pornos. Aber nur “Zeigen, Voyeur, SM für Anfänger. Nichts Abgedrehtes”. Nichts Illegales vor allem, weswegen Schenk nur knapp kommentiert: “Jeder Jeck ist anders”.

Damals und heute: “Tatort”-Ermittler im Wandel der Zeit

Und es sind vor allem intime Verwicklungen, die diesen Tatort zusammenhalten. Der Vater des Leichtathletik-Mädchens lebt mit seiner neuen Familie neben der Mutter seines ersten Kindes. Die lebt im Haus ihres Stiefvaters, der sie adoptierte, nachdem ihre Mutter die beiden verließ, als die Tochter mit 18 schwanger wurde. Von der inzwischen erwachsenen Frau machte der Tote heimlich Fotos, während er eine Affäre mit einer dritten Nachbarin, der gelangweilten Frau eines Vertreters, hatte. In Sachen Sex steht „Nachbarn“ den „Desperate Housewives“ in nichts nach.

Am Ende ist alles anders

Sex und Begehren führten am Ende auch zum matschigen Ende des Vorstädters unter dem Lastwagen. Aber wie in „Desperate Housewives“ ist am Ende alles anders, als es zu Anfang schien. Nicht der junge Familienvater ist der Vater des Leichtathletikmädchens, sondern ihr „Großvater“, der eine Affäre mit seiner volljährigen Stieftochter hatte. Seine Frau verließ ihn nicht, sie wurde von ihrer Tochter erschlagen, als sie die dazu zwingen wollte, das Kind abzutreiben. Ihr Stiefvater und Geliebter vergrub die Leiche unter der Hecke und weil der Tote sie dort beim Umgraben fand und die junge Frau zum Sex zwang, zog sie auch ihm eine Nachttischlampe über den Schädel. Normale Probleme in einem normalen Viertel eben.

Die skandalösesten Momente beim “Tatort”

Und obwohl Mordgründe und Geschichte zugegebenermaßen ein klitzekleines bisschen überzogen sind, schaffen es die liebevoll geschrieben Figuren, einen als Zuschauer darüber hinweg sehen zu lassen: Alles in allem ist “Nachbarn” ein überraschend unterhaltsamer und spannender Krimi.

Und die Moral von der Geschichte? Schauen Sie genauer hin, wenn Sie das nächste Mal ihren Nachbarn durch halbgeöffnete Vorhänge beim Rasenmähen zusehen. Vielleicht hat er ja neben dem Ordner mit seinem Bausparvertrag auch ein paar Leichen im Keller. (jl)

Fotos: WDR/Martin Menke

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