"Wahnsinnig großes ethisches Problem": Arzt spricht bei "Markus Lanz" über das Sterben der Alten

teleschau
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Würden sich die Menschen strenger an die Corona-Regeln halten, wenn mehr junge Erkrankte an COVID-19 sterben würden? Markus Lanz diskutierte in der jüngsten Ausgabe seiner ZDF-Talkshow über die Triage.

Trotz Teil-Lockdowns steigt die Zahl der Corona-Infizierten in Deutschland weiter. Moderator Markus Lanz stellte in der jüngsten Ausgabe seiner ZDF-Talkshow die Gretchenfrage: Würden wir achtsamer mit den Regeln umgehen, wenn mehr jüngere Menschen durch COVID-19 sterben würden? Der Gedanke kommt nicht von ungefähr: Lanz erinnerte an einen Arzt aus Schweden, der berichtete, dass erkrankte Menschen über 80 in dem Land nicht mehr ins Krankenhaus gebracht würden, "um das Gesundheitssystem nicht mehr zu überlasten".

Mediziner Hubert Messner hat eine klare Meinung zu dieser Vorgehensweise. "Das ist effektiv", erklärte der Bruder von Bergsteiger-Legende Reinhold Messner. Er hat während des ersten Lockdowns in Bozen freiwillig auf einer COVID-Station gearbeitet und dabei auch erlebt, wie ein dreijähriges Kind an der Krankheit gestorben ist. "Die Triage kommt immer zum Zuge, wenn keine Intensivbetten mehr da sind", erklärte er. Unter Triage versteht man eine bestimmte Reihenfolge, in der die Erkrankten behandelt werden.

Es werde nicht öffentlich gesagt, aber es stimme, dass Menschen über 80 Jahre oder mit zusätzlichen Erkrankungen "durch den Rost" fallen. Dies sei "ein wahnsinnig großes ethisches Problem" für die Ärzte, betonte Messner. "Weil wir plötzlich nicht mehr unserer Verantwortung gerecht werden, zu heilen, was ja unsere Aufgabe ist." Für ihn selbst sei es "nicht tragbar oder nicht verständlich, dass ich nicht jedem eine Chance gebe", erklärte der Neonatologe. Man müsse aber auf der anderen Seite auch abwägen, ob die Behandlung überhaupt eine Aussicht habe oder aussichtslos sei.

Margot Käßmann: "Was heißt das für die Würde des Menschen?"

"Triage so öffentlich anzudiskutieren, finde ich sehr problematisch für die Gesellschaft", resümierte Messner, besonders für alte Menschen, die für "den Wohlstand, den wir heute hier haben, verantwortlich" seien. Seiner Meinung nach müsse das Gesundheitssystem so aufgestellt werden, dass "wir jedem die Chance geben können und wirklich in einer gemeinsamen Entscheidung mit den älteren Leuten entscheiden: Haben wir eine Aussicht oder nicht".

Die Theologin Margot Käßmann sagte, sie glaube, dass die Situation eine andere wäre, wenn mehr jüngere Menschen sterben würden. "Und was heißt das dann für die Würde des Menschen? Wir sagen, die Würde des Menschen ist unantastbar, dann hängt die Würde des Menschen nicht am Lebensalter." Später erklärte sie außerdem, dass Menschen nicht alleine in einem Heim zum Sterben gelassen werden dürften. "Da müssen Menschen zur Seelsorge und auch Angehörige kommen dürfen. Das kann nicht sein, dass in unserem Land Menschen einsam sterben, und es heißt, da darf niemand rein wegen COVID-19-Gefahr. Also da müssen sowohl die Angehörigen Abschied nehmen als auch die Seelsorge kommen dürfen."