Wie Amerika Billie Holiday den Krieg erklärte

Sven Hauberg
·Lesedauer: 3 Min.
Andra Day ist für ihre Rolle als Billie Holiday für einen Oscar nominiert. (Bild:  2020 Paramount Pictures Corporation. All rights reserved)
Andra Day ist für ihre Rolle als Billie Holiday für einen Oscar nominiert. (Bild: 2020 Paramount Pictures Corporation. All rights reserved)

Wenn Musik zur Bedrohung wird: Im düsteren Biopic "The United States vs. Billie Holiday" legt Andra Day eine oscarnominierte Leistung als Jazz-Ikone hin.

"The United States vs. Billie Holiday" - das klingt so, als gehe es in diesem Film um einen Gerichtsprozess, um ein halbwegs faires Verfahren. Und ja, Billie Holiday, die 1915 geborene und 1959 verstorbene Ikone des Jazz, musste sich tatsächlich vor Gericht verantworten. Vor einem Richter, der sie für ein Jahr ins Gefängnis warf, weil sie ihre Drogensucht nicht in den Griff bekam. Vor allem aber erzählt der Film (ab 23. April digital, ab 14. Mai auf DVD und Blu-ray) von einer Kampagne eines ganzen Landes gegen eine einzelne Frau, vom Versuch der Vereinigten Staaten, die Sängerin Billie Holiday zum Schweigen zu bringen.

Es ist ein einziger Song, mit dem Holiday das offizielle Amerika erschütterte. "Strange Fruit", eine bitterböse und todtraurige Anklage des amerikanischen Rassenhasses. Merkwürdige Früchte, singt Holiday, würden von den Bäumen in den Südstaaten baumeln, Blut an den Blättern und Blut an den Wurzeln, in der Luft der Geruch brennenden Fleisches. Gemeint sind natürlich die Lynchmorde an den Schwarzen, die - Holiday sang das Stück erstmals 1939 - damals im alten Süden noch immer Realität waren.

Jimmy Fletcher (Trevante Rhodes) soll Billie Holiday (Andra Day) überwachen, verliebt sich aber in sie. (Bild: 2020 Paramount Pictures Corporation. All rights reserved)
Jimmy Fletcher (Trevante Rhodes) soll Billie Holiday (Andra Day) überwachen, verliebt sich aber in sie. (Bild: 2020 Paramount Pictures Corporation. All rights reserved)

Konventionell - und verwirrend

Gespielt wird Holiday von der Sängerin Andra Day, die für die Rolle für einen Oscar nominiert ist. Und das völlig zu Recht. Nicht nur gelingt es ihr, Holidays unvergleichliche Stimme, ihr vibrierendes Timbre und die rauchigen Töne, perfekt zu imitieren; auch ist sie mit Haut und Haaren in ihrer Rolle, die leidet, liegt am Boden, steht wieder auf. Sie zeichnet Holiday als zerrissene Frau, unfähig zu lieben, seit frühester Kindheit traumatisiert, die nur im Heroin und im Alkohol einen Halt findet.

Leider aber reicht Days phänomenale Leistung nicht, denn "The United States vs. Billie Holiday" ist ein einerseits reichlich konventionelles, gleichzeitig aber auch hochgradig verwirrendes Biopic geworden. Konventionell, weil man die Kniffe, die Regisseur Lee Daniels ("The Butler") verwendet, um seine Geschichte zu erzählen, schon viel zu oft gesehen hat. Immer wieder Rückblicke, eine Rahmenhandlung, um das Geschehen einzubetten, Sprünge vom Detail zum großen Ganzen. Und verwirrend, weil er das Leben von Billie Holiday als chronologisches Durcheinander aufbereitet. Da geht es zeitlich derart wild hin und her, dass wohl selbst Holiday bisweilen nicht wüsste, wo genau der Film gerade angekommen ist. Für den Zuschauer ist das unglaublich frustrierend, und das über eine Länge von immerhin 130, stellenweise doch sehr langen, Minuten.

Billie Holiday (Andra Day, rechts) macht aus ihrer Beziehung zu Schauspielerin Tallulah Bankhead (Natasha Lyonne) kein Geheimnis.  (Bild: 2020 Paramount Pictures Corporation. All rights reserved)
Billie Holiday (Andra Day, rechts) macht aus ihrer Beziehung zu Schauspielerin Tallulah Bankhead (Natasha Lyonne) kein Geheimnis. (Bild: 2020 Paramount Pictures Corporation. All rights reserved)

Perfide Taktik

Holidays Gegner ist Harry Anslinger, im Film gespielt von Garrett Hedlund. Anslinger leitet die US-Drogenbehörde, ist Rassist und will Holiday unbedingt ins Gefängnis bringen für "Strange Fruit", einen Song, den er für aufwiegelnd hält. Aber weil es selbst in jenen Jahren nicht verboten ist, zu singen, versucht er, Holiday auf perfiden Wegen das Genick zu brechen: Er nutzt die Drogensucht der Sängerin aus, um sie verschwinden zu lassen. Und als das Holiday für nur ein Jahr in den Knast bringt, lässt Anslinger ihr Drogen unterjubeln. Die Drecksarbeit soll Jimmy Fletcher (Trevante Rhodes) übernehmen, einer der ersten schwarzen FBI-Männer und fortan zerrissen zwischen seiner Loyalität zum Staat, seiner afroamerikanischen Identität und später auch seiner Liebe zu Holiday.

Ob das alles wirklich so war, vor allem, was Flechter betrifft - man weiß es nicht. Regisseur Lee Daniels nimmt sich viele Freiheiten in seinem Film, was "The United States vs. Billie Holiday" zwar problematisch macht, dem Grundanliegen des Biopics aber kaum schadet: Daniels will zeigen, was der Drogenkrieg in den USA mit der schwarzen Bevölkerung gemacht hat, dass er vor allem gegen Menschen wie Holiday gerichtet war. Bittere Pointe: Drogenbehördenchef Anslinger wurde später vom liberalen Präsidenten Kennedy für seine angeblichen Verdienste ausgezeichnet.

Schön an "The United States vs. Billie Holiday" ist, dass der Musik viel Raum gelassen wird. Viele Stücke interpretiert Hauptdarstellerin Andra Day in Gänze, das macht Holidays musikalische Entwicklung nachvollziehbar. Auch schafft es Daniels mit vielen filmischen Vignetten wunderbar, den Zeitgeist jener Jahre einzufangen. Ein heilloses, bisweilen auch arg zähes Durcheinander bleibt der Film dennoch.

Wegen Drogenbesitzes wird Billie Holiday (Andra Day) zu einem Jahr Haft verurteilt. (Bild: 2020 Paramount Pictures Corporation. All rights reserved)
Wegen Drogenbesitzes wird Billie Holiday (Andra Day) zu einem Jahr Haft verurteilt. (Bild: 2020 Paramount Pictures Corporation. All rights reserved)