Kommentar: Annegret Kramp-Karrenbauer - Von Mini-Merkel zu Mini-Merz

Nach der Kritik an ihrem Karnevalswitz über Intersexualität legt Annegret Kramp-Karrenbauer beim Politischen Aschermittwoch in Demmin nach (Bild: Reuters/Fabrizio Bensch)

Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Das wäre kein Argument, mit dem ich Diskussionen angehen würde, aber vermutlich Annegret Kramp-Karrenbauer. Nur hat sie dies vermeintlich selbst vergessen in letzter Zeit. Und vielleicht hat sie auch vergessen, dass sie die verkrampfte Politikerin ist, nicht (nur) die anderen das verkrampfte Volk.

AKK hat sich einen Witz erlaubt, der doch gar nicht so schlimm sei. Schlimmer sind doch die, die ihn als diskriminierend bewerten, die seien verantwortlich für den Verlust von Kultur und Tradition des Karnevals. Sie verstünden keinen Spaß. So ihre Analyse. Aber vielleicht hat Frau Kramp-Karrenbauer vor lauter Meinungsfreiheit und Belustigung vergessen, dass der Karneval eigentlich dafür da ist, die Machtinstanzen wie ihre zu kritisieren.

Was erwartet man denn eigentlich von einer Politikerin, die sich mit einer solchen Kontroverse ins Gespräch katapultiert? Dass sie reflektiert und professionell darauf zurückschaut. Aber so nicht mit der vielleicht nächsten Kanzlerin. Beim politischen Aschermittwoch der CDU in Demmin in Mecklenburg-Vorpommern holt sie während ihrer “Erklärung” weiter aus, im Zuge der Kindergartenfaschingsdebatte.

Sämtliche Medien titelten, dass eine Hamburger Kita aufgrund des rassistischen Hintergrundes Indianerkostüme verbiete. Dass das eine reflektierte und gute Entscheidung ist, liegt an der offensichtlichen Diskriminierung durch solche Kostüme.

Bis 1978 durften Native Americans ihre Religion nicht ungehindert ausüben, geschweige denn traditionelle Kleidung tragen wie den mit Federn besetzten Kopfschmuck. Wenn dann Weiße sich diesen aufsetzen, handelt es sich schlicht und einfach um kulturelle Aneignung. Aber für derartige Analysen ist AKK nicht zugänglich, lieber befeuert sie diese Art Rassismus, um gar die so in Gefahr stehende deutsche Karnevalskultur zu beschützen.

Die Jagd nach den verlorenen Wählern

Nebenbei, und das ist meiner Meinung nach offensichtlich das eigentliche Ziel, versucht AKK mit ihrer konservativen Haltung nur verlorene Wähler wieder einzufangen. Es sind nämlich so einige entflohen in die AfD. Mit Aussagen wie der, dass Kultursensibilität bei Dreijährigen absoluter Wahnsinn sei, befeuert man nur das rechte Weltbild.

Kramp-Karrenbauer vergleicht Rassismus mit Diskussionen zwischen Veganern und Fleischessern, da man ja beiden keinen Vorwurf mache, aber bei der Kostümdebatte stimme das Maß nicht. Naja, Frau Kramp-Karrenbauer, das ist auch nicht Ihre Entscheidung, ab wann was Diskriminierung ist und welches Maß dabei ok ist, gerade wenn es nicht Sie selbst angeht.

Ihre defensive Haltung gegenüber der Kritik wirkt sehr kindisch und verloren. Genauso wie die Twitter-Kommentare von AKKs Unterstützenden, die Sachen sagen wie “Asiaten tragen ja auch Dirndl und da sagt niemand was.” Unabhängig davon, wie viel Unwissen diese Aussage preisgibt, verwechseln die Menschen, die angeblich “im Begriff sind ihre Kultur zu verlieren”, einiges.

Diskriminierung und Aneignung sind Themen, mit denen sich Bayern noch nie auseinandersetzen mussten. Oder wurde ihnen je verboten, Weißwurst zu essen und Dirndl zu tragen? Wurden sie aufgrund ihrer Tradition verfolgt? Bestraft? Nein. Aber Privilegien zu erkennen, fällt halt nicht jedem leicht. Konstruktive Reflexion auch nicht.

Wer ist hier verkrampft?

Und dann nennt AKK ihre Kritiker verkrampft und das deutsche Volk das verkrampfteste aller Zeiten. Da verwechselt sie aber etwas: Sie hat ihre eigene Rolle als versteifte Konservative abgeben, um Witze auf Kosten anderer zu machen. Und schlüpft in ihrer Erklärung wieder in diese Rolle zurück.

Nebenbei erwähnte sie in der gleichen Rede auch, dass die Grenzsicherung gestärkt werden soll, das Switchen fällt ihr offenbar nicht schwer. Denn kurze Aussetzer in der jecken Zeit darf man sich ja wohl erlauben, warum haben wir uns bloß alle so? Aber wehe, jemand geht die so in Gefahr stehende deutsche Tradition an, dann ist Schluss! Um ehrlich zu sein: Was hat sie denn erwartet, außer natürlich den Beifall der rechts-konservativen?

Im Karneval ist die Kanzlerin offenbar nicht wirklich in ihrem Element (Bild: Reuters/Fabrizio Bensch)

Da nannten sie alle AKK die “Mini-Merkel”. Aber nein, das ist sie insbesondere aufgrund eines Aspektes nicht: Sie handelt oft irrational und unprofessionell. An dieser Stelle möchte ich nebenbei erwähnen, wie sehr ich mich über Merkels ermüdetes und gelangweiltes Gesicht während der Karnevalsaufführung im Kanzleramt gefreut habe.

Wahrscheinlich möchte sich AKK mit ihrer pseudokonservativen Haltung vom “Mini-Merkel”-Image lösen, aber das geht mal wieder auf die Kosten von Minderheiten. Man erinnere sich auch daran, dass sie die Ehe für Alle mit Inzest verglich. Oder auch, dass man Kindern nicht vorgeben solle, was sie tragen, aber wenn es um muslimische Frauen und Kopftuch geht, dann sollte die Regierung die Deutungshoheit besitzen. Pseudo-Konservatismus in seiner schönsten Form.

Selektive Solidarität

Spricht man von Solidarität unter Frauen oder über den Kampf, die Ungleichheiten aufzuheben, kommt AKK mit folgender Aussage daher: Es sei bei ihrem Auftritt nicht um das dritte Geschlecht, sondern “um die Frage von Emanzen von Machos, vom Verhältnis von Frau und Mann” gegangen.

Das Paradoxe ist, dass sie vor wenigen Wochen der “Emma” ein Interview gab und betonte: “Wir müssen dafür sorgen, dass der Respekt vor Frauen eingehalten wird.” Viel kann man dazu nicht sagen, es ist ganz simpel zu analysieren: Sie ist unsolidarisch, insbesondere mit allen, die nicht Spendengeber der CDU oder Ex-Wähler und nun bei der AfD sind. Dem von allen Seiten kritisierten Konservatismus von Friedrich Merz steht sie in nichts nach.

Was AKK mit den letzten Ereignissen noch unterstreicht, ist die neue politisch unkorrekte Emotionalität und Irrationalität. Politiker, die in zahlreichen Talkshows sehr persönliche Meinungen loswerden um im Gespräch zu bleiben sind so omnipräsent wie noch nie.

In ihrer “Verteidigung” ging sie auch Vizekanzler Olaf Scholz an: „Genau hinschauen, bevor man sich künstlich aufregt.“ Sie unterstellt ihm hierbei genau die Erregung der Öffentlichkeit, die sie selbst erzielt hat. Und öffentlich Kollegen und deren Kritik an dem eigenen unseriösen Verhalten anzugehen, unterstreicht die vorangegangene These ihres unprofessionellen Handelns.

Debatten sind nur noch ermüdend

Die sowieso bereits ganz sensible Waage zwischen links und rechts und die jeweiligen Machtkämpfe innerhalb des konservativen Spektrums werden immer unseriöser. Diese Personalisierung sorgt dafür, dass jede kleinste Debatte zur Explosion führt. Deswegen sind Debatten wie solche nur ermüdend. Um politische Korrektheit oder gestandene Meinungen geht es nicht, nur um das eigene Image und das nächste Umfragehoch oder -tief.

Das beweist auch Cem Özdemir, der völlig ungefragt folgende skurrile Aussage auf Twitter veröffentlichte: “Bevor alle Schnappatmung kriegen in Sachen #Indianer & Kita. Dies ist genauso eine skurrile Debatte, wie die Diskussion um Sankt Martin. Sie hat nichts mit Muslimen (übrigens auch nicht mit Grünen) zu tun. Ich war als Kind an Fasching oft Indianer & feiere weiterhin Weihnachten”.

Was soll man mit dieser Aussage anfangen? Solange Herr Özdemir kein Native American ist, hat er nicht zu bewerten, ob diese Kostümierung diskriminierend ist oder nicht. Aber das interessiert ihn nicht, dieser Tweet ist kostenlose Profilierung.

Man kann fast schon dankbar sein, dass dieses Jahr keine politische Debatte über Blackfacing entstanden ist. Schön, dass das einigen in den hohen Instanzen klar ist, sich eines solchen Kostüms nicht bedienen zu dürfen. Außer Markus Söder, der das diskriminierte Bayern schützen möchte.

Wieder alles auf null

Aber auch am Ende dieser Debatte stehen wir alle wieder bei null. Die eine Seite zeigt, wie diskriminierend es ist, die andere brüllt: “Was ist mit der Meinungsfreiheit?”

Wenn zur Meinungsfreiheit gehören soll, sich rassistischer Stereotype bedienen zu können und eine westliche Deutungshoheit etabliert zu lassen, dann muss ich ehrlich sagen, dass ich trotz all der Offensichtlichkeit nicht mehr weiß, was ich sagen soll. Außer, dass all das ermüdend auf die Kosten derer geht, die sowieso schon ermüdet sind.