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Kommentar: Wie sich eine FFF-Sprecherin gegenüber Juden im Ton vergreift

Herbeigeführter Klimawandel ist eine Ungerechtigkeit. Was gerade im Nahen Osten passiert, ist auch eine. Nur sollten Worte genau gewählt werden – sonst werden sie selbst zu einer Waffe. Das hat eine Sprecherin der Klimaaktivisten von Fridays for Future nicht berücksichtigt.

Die Aktivisten von Fridays for Future protestieren eigentlich fürs Klima.
Die Aktivisten von Fridays for Future protestieren eigentlich fürs Klima. (Bild: REUTERS/Gonzalo Fuentes)

Ein Kommentar von Jan Rübel

Eine große Verunsicherung legt sich über Deutschland, nach den absolut ungerechtfertigten Massakerangriffen der radikalislamischen Hamas gegen Israelis und vor der avisierten Bodenoffensive der israelischen Bodenoffensive gegen die Hamas in Gaza als Reaktion darauf. Der Antisemitismus der Hamas, ihr Gewaltausbruch und die Aufforderung, es weltweit gleich zu tun, erschüttern. Juden in Deutschland fragen sich, wie normal, wie sicher sie hier leben können. Und Palästinenser sehen sich unter Generalverdacht gestellt, sehen die leidvolle Geschichte ihrer Familien – und die harten Restriktionen des deutschen Staates in diesen Tagen.

Da tut Klarheit not. Sie gelingt nur mit Differenzierung, genauen Worten. Leider ist dies einer Sprecherin von Fridays for Future nicht gelungen. Elisa Baş hat ein Video der propalästinensischen Demo am Potsdamer Platz in Berlin geteilt. Dazu stellte sie ein Zitat von Josef Schuster, er ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Dieser hatte geschrieben: "Es muss sich etwas tun. Die Barbaren sind unter uns."

Die Wortwahl des Barbarismus ist angesichts der tiefen Bedrohung von Juden und angesichts der Ignoranz vieler Demonstranten verständlich, aber bleibt nicht passend: Mit der Bezeichnung, jemand sei ein Barbar, wird ein Mensch menschlich herabgewürdigt, als ungebildet und ungehobelt dargestellt. Es ist eine Diffamierung. Genauer wäre es, Täter als Täter zu benennen. Wer an jener Demo judenfeindlich auftrat, sollte entsprechend beschrieben werden. Da brauchen wir keinen Rückgriff auf die altgriechische Geschichte, in der alle, die nicht oder schlecht Griechisch sprachen, in den Ohren der in der Sprache Geborenen nur "Brbr" machten und damit zu Barbaren wurden.

Schwer sollte es nicht sein

Baş griff also das auf und vergriff sich dann komplett. "In Deutschland herrscht eine Pogrom-Stimmung gegen Palästinenser:innen und Schuster heizt sie an", schrieb sie auf Instagram. Das ist eine Täter-Opfer-Umkehr. Eine Pogromstimmung gab es gegen Palästinenser in Deutschland nie, auch in den vergangenen Tagen nicht. Es gab sie aber gegen Juden. Jüdische Einrichtungen in Deutschland benötigen heute Polizeischutz, palästinensische nicht. Häuser, in denen Juden wohnen, werden mit Davidstern-Graffiti versehen, also "kenntlich" gemacht. Bei Palästinensern geschieht sowas nicht, es gibt nicht einmal ein Zeichen zu ihrer "Kenntlichmachung"; sie haben eben keine Jahrhunderte andauernde Diskriminierung und Verfolgung bis hin zu Pogromen und Genozid erlebt.

Daher liegt Baş schlicht falsch. Es beleidigt jene, die gerade nichts dafür können, dass sie bedroht werden, dass sie sich um ihre Sicherheit sorgen müssen.

Die FFF-Sprecherin möchte womöglich eine Lanze für das Leid der Palästinenser brechen. Es ist richtig und wichtig, auf das Schicksal der Menschen in Gaza und auch in der Westbank hinzuweisen, auf die drohende Bodenoffensive und die damit verbundenen schrecklichen Folgen für die Zivilbevölkerung.

Auch sind die polizeilichen Maßnahmen in Deutschland etwas absurd, was die Verbote von palästinensischen Fahnen angeht. Sie sind keine von der Hamas, sie zieren die Palästinensische Mission, so etwas wie eine Botschaft, in Berlin. In Berlin-Neukölln leisteten sich Polizisten komische Katz-und-Maus-Spiele mit Frauen und Männern, die solche Fahnen wie Toreros hielten. Gleichwohl bleibt die Frage, wo die Empathie beim Fahnenschwenken ist – angesichts der bestialischen Ausmaße der Hamas-Terrorattacke, die darauf abzielte, in möglichst wenig Zeit möglichst viele Menschen möglichst grausam zu töten. Es wäre ein Engagement für Palästina, erst einmal und grundsätzlich die Hamas und ihre Untaten zu verdammen und in die Hölle zu wünschen.

Völlig verhoben

Baş aber offenbart einen irritierenden Blick auf die Geschehnisse in Israel und in Palästina. "Schweigen hilft niemals den Unterdrückten, es schützt die Täter", schreibt sie. "Es nimmt die Unterdrückung billigend in Kauf, lässt es geschehen. Den Genozid und das gezwungen werden, zu einem Genozid zu schweigen."

Das ist zum Teil eine Ansammlung von Binsen. Klar muss zu Unterdrückung gesprochen werden, und Palästinenser werden durch Israel unterdrückt. Wo aber sieht sie einen Genozid? Eine Abriegelung, die Verweigerung einer Baugenehmigung und der Eingriff in persönliche Freiheiten ist kein Völkermord. Den Palästinensern geht es schon schlecht genug. Baş tut ihnen keinen Gefallen, wenn sie den Strukturen, mit denen sie Probleme haben, zu einer Bosheit erheben, die nicht da ist. Auch stellt sich die Frage, ob dieser Vorwurf der Massentötung selbst antisemitisch ist.

In dem Post von Baş ist keine Empathie erkennbar. Da sollten ein paar Gedankengänge folgen.

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