Jens Söring berichtet bei Lanz über seine Jahrzehnte im US-Gefängnis

Maximilian Haase

Lanz wagt sich weg von Corona: Zu Gast in der ZDF-Talkshow war am Donnerstagabend Jens Söring, der in den USA über 33 Jahre wegen eines Doppelmordes im Gefängnis saß. Bis heute bestreitet er seine Schuld. Er sagt: "Ich habe diese Tat nicht begangen".

Es gibt tatsächlich noch Themen abseits der Corona-Pandemie; Themen zudem, die ebenfalls wichtig sind. Das erkennen nun, nach wochenlangem Virus-Fernsehen, selbst die hiesigen Talkshows. Und so saß gestern Abend bei Markus Lanz kein Virologe, kein Politiker, kein vom Lockdown betroffener Unternehmer. Sondern Jens Söring. Ein Mann, der in den vergangenen Jahrzehnten zu spüren bekam, was Isolation von der Außenwelt tatsächlich bedeutet. Über 30 Jahre lang verbüßte er in einem Gefängnis in den Vereinigten Staaten eine Haftstrafe. Begangen haben soll er einen Doppelmord - und bis heute leugnet er seine Schuld. Im Novemver 2019 schließlich wurde der inzwischen 53-Jährige auf Bewährung entlassen und nach Deutschland abgeschoben. Hier nun, beim publikumslosen "Lanz"-Talk, erzählte der Sohn eines deutschen Diplomaten seine Geschichte.

"Ich war 30 Jahre lang eine Nummer": Es sind Sätze wie dieser, die Sörings Martyrium an diesem Talk-Abend deutlich machen. Er beherrscht solche Sätze. Söring ist Autor, hat im Gefängnis mehrere Bücher geschrieben. Auch so gelang es ihm, die Jahre in verschiedenen Gefängnissen im US-Bundesstaat Virginia zu überstehen. Denn: "Umarmungen gibt es im Gefängnis nicht", berichtet Söring, der bei Lanz gefasst wirkt, aber dennoch nicht verbergen kann, was in ihm brodelt. "Manchmal weine ich einfach", sagt er angesichts der Gefühle, die er nun endlich wieder an sich heranlassen könne. Für unschuldig erklärt wurde Söring nicht - doch ist er keine Nummer mehr. "Jetzt ist das Vergangenheit", sagt der Mann, der den Tag seiner Entlassung "den schönsten Tag meines Lebens" nennt. Und: "Ich habe diesen Kampf gewonnen". Von "Kampf" ist an diesem Abend oft die Rede.

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Kampf - das bezog sich bei Söring immer auf Wahrheit und Freiheit, wie er sagt. "Ich habe diese Tat nicht begangen", beteuert er auch bei Lanz seine Unschuld. Deshalb habe er auch keine Reue zeigen können - grundlegende Voraussetzung für eine mögliche Begnadigung in Virginia, wo ihm zu Beginn sogar drei Jahre lang die Todesstrafe drohte. Auch das hat er ausgehalten: "Sie haben mich nicht brechen können", drückt es Söring aus, der 14 Anträge auf vorzeitige Entlassung stellte und 14 Mal abgelehnt wurde. Ob er auch bereit gewesen wäre, sein Leben lang einzusitzen, wenn dies die Folge des Einstehens für die Wahrheit gewesen wäre, fragt Lanz. "Absolut", antwortet Söring. Dem 15. Antrag schließlich wurde stattgegeben, er sei dafür dem Gouverneur von Virginia dankbar, so Söring. Er verstehe, warum man den Justizirrtum nicht offiziell eingestanden habe. Es gehe um potenziell 1,4 Millionen Dollar Haftentschädigung und große politische Brisanz, wie Söring erklärt.

"Ich wollte sie schützen"

Was er ebenfalls verstehe, seien Menschen, die auch heute zutiefst von seiner Schuld überzeugt seien. "Ich habe ein Geständnis abgelegt" - und es sei für viele schwer zu verstehen, wie man so etwas als Unschuldiger tun könne. Bei Lanz versucht Söring eine Erklärung, lässt seine Geschichte noch einmal Revue passieren. Es ist eine unglaubliche Story: Mit 18 Jahren, 1984, lernte Söring in den USA, wo sein Vater als Diplomat tätig ist, Elisabeth Haysom kennen. Was Söring damals noch nicht wusste: Diese Begegnung sollte sein Leben nachhaltig beeinflussen. Man kann auch sagen: zerstören. "Es war eine wirklich wirklich schöne Frau", so Söring, eine "Bienenkönigin" an der Elite-Highschool - und sie habe sich tatsächlich für ihn entschieden.

Irgendwann habe sie ihm berichtet, dass ihre Mutter sie mit Wissen des Vaters sexuell misshandelt hatte, erzählt Söring. "Ich hatte Verständnis, dass sie ihre Eltern hasste" - aber: "Das sind Behauptungen." Nicht einmal ein Jahr später werden Haysoms Eltern in ihrem Haus in Virginia (USA) ermordet. Jens Söring und Elisabeth Haysom fliehen nach Großbritannien, später auch in Sörings Geburtsland Thailand. Als sie nach einigen Scheckbetrügereien in London gefasst werden, legt Söring ein Geständnis ab. Er habe Elisabeths Eltern auf dem Gewissen. Warum er gestanden habe, wenn er doch unschuldig sei? "Weil ich die Frau liebte. Ich wollte sie schützen", sagt Söring bei Lanz.

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Er habe zwei Alternativen gesehen: Entweder seine Geliebte droht, auf dem Elektrischen Stuhl hingerichtet zu werden - oder er nimmt die Tat auf sich: "Ich wollte die Frau, die ich liebte, vor dem Tod retten". Damals, sagt Söring, habe er geglaubt, er habe dank seines Diplomatenstatus Teilimmunität und würde "vielleicht fünf bis zehn Jahre" in einem deutschen Jugendgefängnis absitzen. Später widerruft er sein Geständnis. Doch sie bestätigt seine Schuld vor Gericht. 1990 wird Söring wegen des Doppelmordes in Virginia zu zweimal lebenslänglich verurteilt. Elizabeth Haysom sitzt da bereits seit zwei Jahren im Gefängnis, verurteilt zu 90 Jahren Haft wegen Anstiftung zum Mord.

"Dann musst du eben kämpfen"

Zur Schuldfrage könne er heute aus juristischen Gründen nicht viel sagen. Bedacht wählt Söring bei Lanz seine Worte. Als der Moderator ihn etwa fragt, warum er sich mit seiner Familie nach 15 Jahren im Gefängnis zerstritten habe, antwortet Söring: "Das will ich hier nicht sagen". Auch zu Haysom habe Söring, der hier in Deutschland von einer Familie aufgenommen wurde, keinen Kontakt: "Ich habe ihr nichts zu sagen." Er wurde und werde geliebt, das sei das Wichtigste. Immer hätten ihn Menschen in der Haft besucht. Das Thema Liebe sei für ihn jedoch heute vorbelastet: "Wegen Liebe und Vertrauen bin ich 33 Jahre ins Gefängnis gekommen. Deshalb bin ich vorsichtig."

Es geht viel um Gefühle an diesem Lanz-Abend, vor allem um jene, die einen Menschen kaputtmachen können. Angst, Hoffnungslosigkeit, Depression - "man muss diese Gefühle unterdrücken", sagt Söring mit Blick auf seine Zeit im Gefängnis. Sonst würde man zum Opfer und könne sich nicht verteidigen. Wie er die Zeit überhaupt überstanden habe, fragt Lanz, der zum Thema Gefängnisalltag und Resozialisierung auch den Juristen und Kriminologen Bernd Maelicke geladen hatte. In der ersten Nacht hinter Gittern in den USA habe er versucht mit einer Plastiktüte Selbstmord zu begehen, gesteht Söring. Es sei ihm nicht gelungen, "der feige Weg", wie er sagt. Damals habe er sich gesagt: "Dann musst du eben kämpfen."

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Söring berichtet von schrecklichen Erfahrungen im Gefängnis. Mehrere Selbstmorde hätte er erlebt, einmal habe sich sein Zellengenosse an seinem Bett erhängt. Und auch Söring sei zum "Frischfleisch" geraten, wie es Experte Maelicke mit Blick auf den sexuellen Missbrauch im Gefängnis nennt. "Ich wurde beinahe vergewaltigt", sagt Söring, der zuvor schon Zeuge einer Vergewaltigung im Gefängnis war. Er habe geschrien, das habe ihn gerettet. Als er seinen Peiniger später fragte, warum er ihn habe laufen lassen, habe dieser gesagt, Söring sei der Erste gewesen, der Nein gesagt habe.

Überlebt habe er die Jahre im Knast auch durch eine Allianz mit zwei stärkeren Insassen, die im Gefängnis Handel trieben. Denen habe er gezeigt, "wie man mehr Geld verdienen kann, indem man seine Kunden weniger verprügelt". Er habe ihnen erklärt, was er im BWL-Studium gelernt habe, dass Kundenservice wichtig sei, auch im Knast. Es ist der einzige Moment der Sendung, in dem angesichts des ernsten Themas bei Lanz ein wenig Heiterkeit aufkommt.

Doch woher nimmt Söring die Zuversicht, jetzt weiterzumachen, fragt Lanz am Ende der Sendung. "Ich kann diese Jahrzehnte nicht zurückgewinnen", antwortet Söring. Dieser Verlust käme erst jetzt auf ihn zu. Aber vielleicht könnten seine Erfahrungen anderen Menschen helfen.

Im Video: Jens Söring nach 33 Jahren Haft frei