In Frankreich siegt die Demokratie im ersten Wahlgang

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Anhänger Macrons feiern die ersten Ergebnisse (Bild: AP Photo/Thibault Camus)

Vier Kandidaten, vier Positionen – und alle lagen bei der Wahl eng beieinander. In Frankreich kam es zu einem echten Abbild der Meinungslage. So schlecht ist das „Politsystem“ des „Establisment“ dann wohl doch nicht.

Ein Kommentar von Jan Rübel

In Paris gibt es durchaus zufriedene Gesichter, abgesehen vom Kandidaten der Sozialistischen Partei, also der französischen Sozialdemokraten, der mit knapp über sechs Prozent baden ging. Der Martin Schulz Frankreichs hatte ja auch seine eigene Partei gegründet und mit seiner Kandidatur um das Präsidentenamt die meisten Stimmen erhalten.

Es war aber kein Erdrutschsieg für Emmanuel Macron, zu nah waren ihm gleich mehrere Kontrahenten auf den Fersen. Überhaupt konnten einige von ihnen mit ihrer Performance nicht unzufrieden sein.

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Da ist Marine Le Pen vom Front National. Die Frau von der „Front“ hatte den Stahlhelm im Wahlkampf zuerst ab- und am Ende, als ihr die Stammwähler fern zu bleiben drohten, wieder aufgesetzt; was auch egal ist, denn Faschistin bleibt Faschistin. Sie konnte das schon immer bestehende rassistische Milieu ihres Landes ansprechen, aber auch nicht mehr. In Zeiten des Donald Trump, in denen Rechtspopulismus wie eine Allzweckwaffe auf den politischen Jahrmärkten angepriesen wird, war schon eine eindeutige Pole-Position Le Pens erwartet worden. Und ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass die Faschistin in vielen, vielen Gebieten die Nase vorn hatte, eben in den Provinzen, bis ihr Paris alles wegschnappte.

Aus ihrer Sicht die Tour vermasselt hat ihr Macron. Jener junge Politiker aus dem Establishment, der trotzdem Aufbruch repräsentierte. Der für die Europäische Union spricht und trotzdem nicht als Bürokrat durchgeht. Der sich weigert, ins Identitätsgequatsche à la Houellebecq einzustimmen und trotzdem nicht wie ein Verschwörer gegen die „da unten“ daherkommt.

Die Stimmen für Macron sind eine Beruhigungspille für die Demokratie. Einschläfernd ist die Wirkung nicht, im Gegenteil. Sie lindert die Hautausschläge vor allem von rechts. Und die Demokratie lichtete am Sonntag ab, wie die Franzosen ticken.

Eine Revolution bleibt im Rahmen

Den Altparteien zeigten sie vorerst die rote Karte, was sich aber rasch, mit anderen Kandidaten, ändern könnte. Das Wählerverhalten ist volatiler geworden, schwerer vorhersehbar, aber wer sagte, Demokratie sei langweilig? François Fillon jedenfalls, der Kandidat der Konservativen, fuhr mit rund 20 Prozent noch ein respektables Ergebnis an – gemessen an den Finanzskandalen, die an ihm klebten. Wäre er ein moralisch integrer Mann, hätte es vermutlich Le Pen nicht in die Stichwahl geschafft. Und dann war da noch Jean-Luc Mélenchon, der sich auch als neu und radikal zeigte. Seine linken Ideen waren tatsächlich radikal, sie reichten von gerechter Entlohnung und einer Stärkung der Menschenrechte über Verstaatlichungspläne bis hin zu plumpem Nationalismus. Einerseits wäre sein Auftritt bei einer Stichwahl interessant geworden, er hätte viel mehr begründen müssen, aber sein Fernbleiben bedeutet nun auch… – siehe Beruhigungspille in Sachen patriotischer Aufwallung.

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Hält Macron nun Kurs, hat er gute Chancen aufs Präsidentenamt. Und Le Pen wird seit heute Morgen fleißig Kreide ins Müsli reiben, um netter und lieber und nicht so böse zu wirken, will sie doch nun nicht wie bisher die Misanthropen ansprechen, sondern breite Schichten. Dieses Schauspiel bis zum siebten Mai, dem Datum des zweiten Wahlgangs, lassen wir uns nicht entgehen.

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