Gastronom klagt in ARD-Doku über junge Bewerber: "Es ist eine Ich-Generation"

Gastronom Herbert Engist rechnet vor: "Wenn wir Vier-Tage-Woche machen, kostet das Essen gleich mal 40 Prozent mehr." (Bild: HR / ARD)
Gastronom Herbert Engist rechnet vor: "Wenn wir Vier-Tage-Woche machen, kostet das Essen gleich mal 40 Prozent mehr." (Bild: HR / ARD)

Fast überall herrscht Fachkräftemangel, während die junge Generation mit einer neuen Vorstellung von Arbeit manche Gewissheit über den Haufen wirft. Können neue Arbeitsmodelle die Lösung bringen? Die ARD-Doku "Arbeiten, wie ich will" zum Trendthema "New Work" forscht nach.

Es rumort in Deutschlands Chefetagen und Personalabteilungen. Der Grund: Viele junge Mitarbeitende und Bewerber bringen eine neue Vorstellung von Arbeit mit, die den Idealen der Boomer-Generation oft diametral entgegensteht. Sie wollen weniger und selbstbestimmter arbeiten. Bisweilen tragen sie ihre Forderungen schon in den Einstellungsgesprächen selbstbewusst vor.

Dies führt dazu, dass manches Unternehmen keine jungen Fachkräfte mehr einstellen will - dabei fehlen gerade diese fast allerorts. Denn der Fachkräftemangel greift in fast jeder Branche um sich. "New Work" lautet der Trendbegriff für neue Arbeitsmodelle, die einen Ausweg aus dem Dilemma versprechen. Doch was steckt dahinter? Die "ARD Story: Arbeiten, wie ich will" forschte am Mittwochabend im Ersten nach.

Generationenforscherin Eliza Filby weiß: Die junge Generation hat ein vollkommen anderes Mindset als die alte. (Bild: HR / ARD)
Generationenforscherin Eliza Filby weiß: Die junge Generation hat ein vollkommen anderes Mindset als die alte. (Bild: HR / ARD)

In Deutschland fehlen 1,4 Millionen Fachkräfte

Bereits heute fehlen hierzulande 1,4 Millionen Fachkräfte - und es könnten bis zu fünf Millionen werden, sobald die sogenannten "Boomer" in Rente gehen. Kann man es sich angesichts dieser Zahlen überhaupt leisten, die jungen Berufseinsteiger und ihre Forderungen zu ignorieren? Wer soll dann die Arbeit, etwa in der Pflege, machen? Wie genau stellt sich die "Generation Z" das neue Arbeiten überhaupt vor? Und was verbirgt sich hinter den "New Work"-Modellen, die langsam aber sicher auch in Deutschland Einzug halten?

Auf der Suche nach Antworten befragten die Filmemacherinnen Christine Rütten und Petra Boberg unter anderem Herbert Engist, einen Restaurantbetreiber und Winzer aus Baden. 2019 hat der seit 35 Jahren Selbstständige ein Restaurant in Düsseldorf eröffnet, findet dort aber kein Personal. Von einem jüngeren Koch, der regelmäßig "viel zu spät" kam und ausgiebige Pausen machte, musste er sich trennen. Jetzt macht ein älterer Koch von Mitte 50 den Job zu seiner Zufriedenheit.

Wer arbeitet in Zukunft in der Pflege? Wie in vielen Branchen ist auch hier "New Work" ein Thema - etwa bei den Pflegefachkräften Ramona Müller (links) und Angelina Thuro. (Bild: HR/Christine Rütten)
Wer arbeitet in Zukunft in der Pflege? Wie in vielen Branchen ist auch hier "New Work" ein Thema - etwa bei den Pflegefachkräften Ramona Müller (links) und Angelina Thuro. (Bild: HR/Christine Rütten)

"Wenn wir Vier-Tage-Woche machen, kostet das Essen gleich mal 40 Prozent mehr"

Junges und zugleich leistungsbereites Personal anzulocken, sei hingegen ein Ding der Unmöglichkeit geworden. Bei Vorstellungsgesprächen werde er mit gesalzenen Lohnvorstellungen konfrontiert. "Man sagt entweder Ja oder sie kommen nicht. Und wenn man dringend jemanden braucht, ist man abhängig davon, egal, was er kann." In ihrer Selbstwahrnehmung seien sie "alle Champions", nur spiegele sich das nicht immer im Ergebnis ihrer Arbeit wider.

"Freizeit, Freizeit" könne er genauso wenig noch hören wie "Work-Life-Balance", klagt Herbert Engist vor der ARD-Kamera. Es sei "eine Ich-Generation", die da nachrückt, in die Zukunft blickt er skeptisch, ebenso wie die Mitarbeiter seiner Generation. Acht Stunden, sagt eine erfahrene Servicekraft im Film, seien den Jungen zu viel, "die Älteren fangen bei acht Stunden erst mal an warmzulaufen". Sie könne die Jugend verstehen, nur frage sie sich: "Wo geht die Wirtschaft hin?"

Vielleicht zur 4-Tage-Woche? Herbert Engist rechnet gerne nach: "Wenn wir Vier-Tage-Woche machen, kostet das Essen gleich mal 40 Prozent mehr, und das zahlt dann keiner mehr." Gleicher Lohn, weniger Arbeit, mehr Personalbedarf, noch mehr Lohnkosten, schreibt der Wirt gedanklich die Quittung, "aber das Personal kriegt man ja gar nicht". Sein Befund: "Nicht zu finanzieren."

"Respekt vor Hierarchien gibt es nicht mehr"

Eliza Filby kann die episodische Beobachtung aus der deutschen Gastronomie als allgemeingültig bestätigen. Die britische Generationenforscherin rät Unternehmen: "Erwarten Sie in einem Vorstellungsgespräch nicht, das zu hören, was sie aus früheren Zeiten kennen!" Die Jüngeren seien "mit der Haltung aufgewachsen: Was kannst du für mich tun? Statt: Was kann ich für dich tun? Dieses Oben und Unten, diesen natürlichen Respekt vor Hierarchien gibt es nicht mehr." Die "Generation Z" sei mit Social Media aufgewachsen. "Die haben ein völlig anderes Mindset."

In einigen Branchen trägt man dem Rechnung, durchaus mit Erfolg, wie der Film zeigt. Alexander Pietschmann, Geschäftsführer eines Herstellers für Eventtechnik, weiß: "Gerade die Jüngeren suchen sich das Unternehmen mit aus, nicht nur wir suchen den Bewerber aus. Die wissen, was sie können, und gehen selbstbewusst damit um." Deshalb wird den Beschäftigten einiges geboten: statt einer einfachen Kantine ein großes Restaurant als Begegnungsstätte, eine neue Lounge als "Wohlfühlraum" mit Konsolenspielen. Der Erfolg: ausgeprägter Teamgeist und ein familiäres Gefühl - sagen zumindest befragte Mitarbeiter vor der Kamera.

Selbstbestimmung innerhalb von Leitplanken - der Schlüssel für motivierte Mitarbeiter?

Auch die Deutsche Bahn experimentiert in Sachen "New Work". Bei der S-Bahn München gibt es seit zwei Jahren "SOTIS-Teams", kurz für: selbstorganisierte Teams im Service. S-Bahn-Prüferin Liza schwärmt: "Wir können uns die Tage und die Uhrzeiten aussuchen, die wir arbeiten möchten." Laut Bahn habe das die Effizienz der Teams erhöht. Für Carsten Schermuly ist das keine Überraschung. Der Wirtschaftspsychologe und New-Work-Experte ist überzeugt, dass Selbstbestimmung innerhalb bestimmter "Leitplanken" zu zufriedeneren und gesünderen Mitarbeitern führe.

Nirgendwo ist das ein dringlicheres Ziel als in der Pflege, wo sich der Fachkräftemangel mit besonderer psychischer Belastung und hoher Verantwortung trifft. Ein Pflegeheimleiter aus der Nähe von Salzburg sagt den deutschen Gästen: Vertrauen zu seinen Mitarbeitern sei der Schlüssel. "Wir müssen nur aufpassen, dass wir sie nicht durch falsche Strukturen demotivieren."

Deshalb gibt es bei ihm keinen vorgegebenen Tagesablauf. Sein Team darf sich die Arbeit in drei Zwölf-Stunden-Schichten pro Woche selbst einteilen und eigene Prioritäten in der Betreuung setzen. Dadurch "fällt ganz viel Stress weg", preist eine vom Job erfüllte Pflegerin das österreichische Modell, das auch für deutsche Einrichtungen Vorbildcharakter haben könnte - allerdings wohl weniger für verzweifelte Gastronomen wie Herbert Engist.