Kommentar: Wie Henryk Broder der AfD Demokratie vorlebte

Henryk Marcin Broder ist ein deutscher Publizist und Buchautor. Broder schrieb von 1995 bis 2010 hauptsächlich Kolumnen und Polemiken. (Bild: ddp images/BUG)

Der Kolumnist hält bei den Rechtspopulisten eine Rede und wird dafür kritisiert. Dabei machte er genau das Richtige.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Die Kunst des Henryk M. Broder besteht darin, den Leser seiner Worte oft im Ungewissen darüber zu lassen, wie er es nun meint: bierernst, schmunzelnd-spöttisch oder im Nirwana dazwischen. Jedenfalls erhob sich am vergangenen Mittwoch ein veritabler Shitstorm über den Publizisten, ein raunendes „Wusst‘ ich’s doch“ – wegen eines Fotos, welches ihn in der Umarmung Alice Weidels zeigte, also der AfD-Fraktionschefin im Bundestag.

Broder, der scharfzüngige Detektor von Antisemitismen, zu Gast bei der Partei der offenen Flanke genau zu diesen Strömungen? Broder, der in seiner politischen Biographie, konservativer zu werden scheint, eine Petition gegen „illegale Masseneinwanderung“ (was immer das auch sein mag) unterschrieb und zu den ominösen und sicherlich überbewerteten „Neuen Rechten“ gehört? Ha, wusst‘ ich’s doch. Dem brauch ich nicht mehr zuzuhören.

Doch das Gegenteil stimmt. Man sollte ihm schärfer zuhören denn je. Denn was er den Abgeordneten der AfD sagte, verdient Aufmerksamkeit. Sein Auftritt war ein Dienst an der Demokratie.

Natürlich war das Foto mit Weidel ein Mist, und die Fraktionschefin wird sich noch heute ins Fäustchen lachen, dass ihr dieser Zangengriffcoup gelang: die Kaperung eines Intellektuellen im ansonsten dort luftleeren Raum. Broder erzählte auch im Wortsinn massenhaft Unsinniges, er wollte womöglich mit einer Büttenhaftigkeit seine Botschaft verkleiden, fing also an mit belanglosem Zeug.

Es wird warm, Baby

Da sprach er vom Klimawandel, „zum Aufwärmen“, und lieferte eine perfekte Dokumentation, ob freiwillig oder nicht, warum Zweifel am menschengemachten Klimawandel in den Zoo menschlicher Possen gehören. „Ich glaube nicht einmal daran, dass es einen Klimawandel gibt, weil es noch keinen Tag in der Geschichte gegeben hat, an dem sich das Klima nicht gewandelt hätte. Klimawandel ist so neu wie die ewige Abfolge von Winter, Frühjahr, Sommer und Herbst. Neu ist nur, dass das Klima zum Fetisch der Aufgeklärten geworden ist, die weder an Jesus noch an Moses oder Mohammed glauben.“

Tja, ob es eine tolle Sache ist, sich als „nicht aufgeklärt“ zu betrachten, muss Broder selbst beantworten. Die Bewertung von wissenschaftlichen Daten, die allesamt in dieselbe Richtung weisen, zum Fetisch zu erklären, klingt hilflos. Und dass jene, die für Wissenschaftlichkeit und Fakten (echte, nicht die gefühlten) halbwegs empfänglich sind, keine Anhänger der abrahamitischen Religionen sein sollen – welch steile These brach sich da bahn? Will Broder andeuten, vor allem Buddhisten und Hindus gedächten „das Klima“ zu retten? Ich habe gehört, irgendwo zwischen Köln und Düsseldorf soll sich ein Kritiker des menschengemachten Klimawandels verstecken, und er soll Agnostiker sein. Und in Kiel soll sogar eine Kritikerin leben, die ist bei den Zeugen Jehovas. Soll es alles geben. Aber ich vergaß, Broder wollte sich und den Saal nur „aufwärmen“. Denkt er denn niemals an den Klimawandel?

Was folgt, ist unter der Kategorie früh ergrauten Legendentalks abzuhaken, wonach früher alles besser gewesen sei, als die Menschen noch monotheistisch genormt gottesehrfürchtig unterwegs waren. Und ein bisschen Bashing jener 16-jährigen Schwedin muss hinein, die gerade wegen ihres stringenten Auftritts für einen Kampf gegen den Klimawandel bekannt wurde, die hält sich laut Hobby-Psychologe Broder für eine „Wiedergängerin von Jeanne d’Arc“. Interessant, woher Broder so viel über die Jugendliche weiß.

Jedenfalls den Unterschied zwischen „Jugend“ und „Kindheit“ hat er nicht mehr so toll drauf, als er später sagt: „Ich bin für eine Verschärfung des Tatbestands ‚Kindesmissbrauch‘, um auch solche Fälle verfolgen zu können wie den der bereits erwähnten Greta aus Schweden, die von den Klimarettern zur Ikone ihrer Bewegung erkoren wurde.“ Da gingen ihm wohl die Pferde durch. Eine 16-Jährige ist nicht wirklich ein Kind, und „Kindesmissbrauch“ ist ein Sexualstraftatbestand und hat nichts mit politischer Instrumentalisierung zu tun – was Broder womöglich meint. Entweder formuliert er hier unfähig ungenau oder hat komische Phantasien oder denkt einfach mit untersten Schubladen hantieren zu können. Allein, dass er das Alter dieser „Klimaretterin“ zur Herabwürdigung heranzieht, erzählt von einer gewissen Hemdsärmeligkeit. Ich stiege auf ein ähnlich niedriges Niveau herab, würde ich Broder entgegnen, er wäre ein alter Greis, der nicht mehr wisse, was er sagt.

Aber dies nur zum Aufwärmen.

Die Kritik an Broders Auftritt bei der AfD an sich ist dabei wohlfeil. Völlig richtig untermalt er sein Motiv: „Ich mache nur das, was uns allen der Bundespräsident vor Kurzem geraten hat. Wir sollten aufeinander zugehen, uns besser kennenlernen, uns miteinander unterhalten, um den Zusammenhalt dieser Gesellschaft zu stärken.“

Nicht wenige verwechseln eine Kritik von AfD-Positionen mit dem Drang einer Ausschließeritis, doch letztere ist undemokratisch und strategisch nicht sinnvoll. Die AfD ist demokratisch-legitimiert und nicht verboten. Es gehört dazu, sich mit ihr auf Augenhöhe auseinanderzusetzen, und zwar mit dem Respekt, den man für sich selbst erwartet. Die Hoffnung darf nicht zerrinnen, dass die eine oder andere Person ins Nachdenken gebracht werden kann; es gibt durchaus, seit Gründung der AfD im Jahr 2013, eine erkleckliche Anzahl mittlerweile ehemaliger AfD-Politiker, die der Partei und ihrem Rassismus den Rücken gekehrt haben. So gesehen hielt Broder seinen Gastgebern tatsächlich den Spiegel vor und sagte zurecht am Ende: „Und ich wünsche Ihnen die Kraft und den Mut, sich selbst infrage zu stellen.“

Giftige Worte, freundlich verpackt

Denn vorher mussten die einiges schlucken. Broder nannte sie „Nazis, Neo-Nazis, Krypto-Nazis und Para-Nazis“ und merkte spitz an, wann ein Jude sonst die Gelegenheit bekomme, vor diesen aufzutreten. Da vermerkte er auch Alexander Gauland mit seinem Braunsprech, dass die zwölf Jahre Naziherrschaft ein „Vogelschiss“ der deutschen Geschichte seien. „Das ist nicht nur aus der Sicht der Nazi-Opfer – der Juden, der Zigeuner, der Homosexuellen, der Widerstandskämpfer, der Deserteure – eine schwere Sünde“.

Den Gastgebern müssen also die Ohren gewackelt haben, als er markierte: „Ich beurteile die Menschen in meiner Umgebung nicht nach Herkunft, Hautfarbe oder Religion, sondern danach, ob sie – grob gesprochen – auch andere Meinungen als die eigenen gelten lassen.“ Damit skizzierte Broder eine Trennlinie, die für die AfD-Seele mitten ins Mark führt. Gut, dass die es mal zu hören kriegten. Und gut, dass Broder die Einladung annahm.

Sein humoristischer Ansatz erwies sich als passend: „Auf meiner To-do-Liste, die ich gerne vor meinem 75. Geburtstag abarbeiten möchte, stehen noch: der Besuch in einem Swinger-Club, die Reise zum Mittelpunkt der Erde und eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn mit Florian Silbereisen als meinem persönlichen Butler.“ Freunde der AfD, „Neue Rechte“ hin oder her, sprechen anders.

Ich persönlich hätte bei einer Rede vor den AfD-Abgeordneten gewisse Inhalte Mangels Interesse weggelassen. Ich hätte mich nicht über die angebliche „Political Correctness“ mokiert, welche nur ein Kampfbegriff für imaginierte Zustände ist, eine Erfindung von Schildbürgern. Aber jeder misst den Dingen ihre eigene Wichtigkeit zu.

Das Rauschen über Broders Auftritt ist unbegründet. Die AfD ist keine No-Go-Area, man hat sich mit ihr an einen Tisch zu setzen. Alles andere bedient nur ihren Hang zum Selbstmitleid und zur Legendenbildung.

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