Lolita im Schwarzwald: Tatort zeigt verstörenden Missbrauch

Mila Lemke
Freie Autorin
Die 15-jährige Emily (Meira Durand) ist auf der Flucht mit dem deutlich älteren Martin (Andreas Lust). Foto: SWR/Benoit Linder

Der Freiburg-Tatort „Für immer und dich” ist kein klassischer Krimi, sondern eher eine irritierende – man möchte es gar nicht schreiben – Liebesgeschichte. Irritierend, weil es im Film zunächst normal zu sein scheint, dass ein erwachsener Mann ein minderjähriges Mädchen begehrt. Tatsächlich erinnert die verstörende Beziehung an ein reales Ereignis.

Story

Vor fast zwei Jahren war die mittlerweile 15-jährige Emily Arnold (Meira Durand) mit dem Endvierziger Martin Nussbaum (Andreas Lust) durchgebrannt. Weil das Geld zur Neige geht, müssen sie nach Freiburg zurück. Auf ihrem Trip durch Europa treffen sie auf einen jungen Mann, der ihnen den Laptop klaut. Kurze Zeit später ist der Dieb tot. Die Ermittler Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) übernehmen den Fall. Gleichzeitig glaubt Emilys Mutter, ihre verschollene Tochter erkannt zu haben.

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Spannung

Kaum vorhanden. Schon zu Beginn erfahren wir, wer Täter, wer Opfer ist. Gut, dass wussten die Zuschauer in der US-Krimiserie „Columbo” auch schon nach fünf Minuten, aber dort resultierte die Spannung aus der akribischen Puzzlearbeit, mit der sich die Hauptfigur Schritt für Schritt dem Täter nähert, bis sich die Schlinge zuzieht. Der „Tatort” dagegen plätschert 90 Minuten vor sich hin.

Relevanz

So absurd, wie die Geschichte auf den ersten Blick wirkt, ist sie gar nicht. Im Jahr 2013 verschwand die 13-jährige Maria H. aus Freiburg mit einem 40 Jahre älteren Mann, den sie im Internet kennengelernt hatte. Das Paar floh nach Polen, versteckte sich später in Sizilien. Erst fünf Jahre später kehrte das Mädchen zu ihrer Familie zurück. Der Mann landete im Knast.

Die Kommissare Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) und Franziska Tobler (Eva Löbau) bearbeiten den Fall des verschwundenen Mädchens. Foto: SWR/Benoit Linder

Missbrauch mit Roadmovie-Romantik

Stellenweise wirkt der „Tatort” wie ein romantisches Roadmovie. Sommerstimmung, endlose Fahrten über idyllische Straßen, Badespaß im Baggersee, dazu Kuschel-Rock. Dass der sexuelle Missbrauch einer Minderjährigen derart weich gezeichnet wird, wirkt absurd. Neu ist die Idee nicht. Man kennt diese Konstellation aus Vladimir Nabokovs berühmten Roman „Lolita”. Im „Tatort” bleibt es jedoch nicht bei vermeintlich harmloser Ausgelassenheit. Wie die Machtverhältnisse in dieser ungleichen Beziehung sind, wird klar, als Nussbaum brutal Sex mit Emily einfordert oder ihr ein Messer an den Hals hält. Erst allmählich erkennen die Zuschauer wie perfide der ältere Mann das Mädchen manipuliert.

Soundtrack

Zwei Songs sind vom unvergesslichen Rio Reiser. Dass der gescheiterte Kleinunternehmer und Missbrauchs-Täter Nussbaum im Auto ausgerechnet den „König von Deutschland” mitsingt, ist ein gelungener Einfall des Regisseurs. Die Festnahme des Täters mit Reisers großartigem Liebeslied „Für immer und dich” zu unterlegen, kann dagegen nur als Sakrileg betrachtet werden.

Fazit

Wer klassische Krimis mag, wird kaum Freude am Schwarzwald-Tatort haben. Und um das Thema Missbrauch zu beleuchten, bleibt die Folge zu sehr an der Oberfläche. Das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Täter und Opfer wird nur angedeutet. Freunde verstörend-melancholischer Streifen kommen dagegen auf ihre Kosten.

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