Kommentar zur Niedersachsen-Wahl: Sturmfest und erdverwachsen sollten wir alle ein bisschen sein

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Wahlsieger Stephan Weil punktete mit den niedersächsischen Tugenden (Bild: dpa)

Der Norden zeigt einen mustergültigen Wahlkampf, während jenseits der Alpen Österreich sich heiser brüllt. Niedersachsen ist heute Vorbild für alle.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Eine gewisse Untertemperiertheit sagt man ja den Niedersachsen nach. Leicht kommen sie nicht aus sich heraus, zum Lachen gehen sie in den Keller. Und wenn sie tatsächlich ins Singen geraten, dann trällern sie ihr „Niedersachsenlied“, in dem es heißt: „Wir sind die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen…“

Nunja, das sind Vogelscheuchen auch, aber vielleicht sind solche Eigenschaften in unseren unruhigen Zeiten, wo vieles in Bewegung ist, nicht die schlechtesten.

Entsprechend ruhig verlief auch der Landtagswahlkampf, der am vergangenen Sonntag zu Ende ging. Und so gegensätzlich zu dem, was sich zeitgleich in Österreich abspielte.

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Ruhig bedeutet keine Friedhofsruhe: In Niedersachsen stritt man sich, Sachthemen wie Bildung, Infrastruktur und Soziales standen im Vordergrund. Konzepte und Programme wetteiferten um die Gunst der Wähler – stets in einem nicht respektlosen Ton. Man ging freundlich miteinander um, wie man das halt macht. Es war herrlich angenehm. Am Sonntagabend schließlich standen auf der Bühne ein bescheidener Wahlsieger von der SPD und ein souveräner Wahlverlierer von der CDU, der freundlich gratulierte, wie man das halt macht. Und die AfD darf ihren Einzug in den Landtag als Erfolg werten, erreichte diesen aber nur mit Mühe; weil gefühlte Fakten in Niedersachsen weniger en Vogue waren, hatten es die Rechtspopulisten entsprechend schwer und retteten sich gerade noch ins Ziel.

Dass Anstand im Norden durchaus ein Thema von Relevanz ist, zeigen auch die Gründe für diese vorgezogenen Wahlen. Eine Grünen-Abgeordnete war überraschend zur CDU-Fraktion im Landtag gewechselt und hatte somit die knappe Regierungsmehrheit von Rot-Grün beendet. Die Gründe für diesen Schritt lagen vordergründig darin, dass diese Frau bei den Grünen in eine berufliche Sackgasse geraten war. Aber anstatt einfach abzutreten oder das Mandat auslaufen zu lassen, nahm sie es mit – und die offenen Arme der CDU erwiesen sich für die Christdemokraten als ein schwerer Fehler. Gleich einem Bumerang goutierten viele Niedersachsen solch Verhalten nämlich nicht. Weil man es einfach nicht macht.

Von wegen glückliches Österreich

In Österreich dagegen, jenseits der Deiche und in den Alpen, machte man eine ganze Menge. Die Österreicher leisteten sich einen der lautesten und schmutzigsten Wahlkämpfe. Im Gegensatz zu Niedersachsen herrschte ein vergiftetes Klima, welches alle Parteien erfasste. Sachthemen standen auch nicht im Vordergrund, sondern da stand ganz oben eine gewisse Angst im felix Austria. Vielleicht ist es ja so, dass die in Umfragen tatsächlich immer als recht glücklich abschneidenden Österreicher mehr zu verlieren haben als arme Schlucker woanders und sich Verlustängste schneller einstellen, aber die Niedersachsen gehen im Vergleich zu Österreich auch nicht in Sack und Asche; der Wirtschaft ging es im Norden schon mal schlechter, die Kriminalität war mal höher – und weniger Geflüchtete, die aufzunehmen waren, haben die Niedersachsen auch nicht als die Österreicher.

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Doch die wollten lieber ihre so genannte Angst regieren lassen, da sind Sachthemen wie Bildung, Steuern oder Soziales lästig. Also dominierten Parolen und Verleumdungen bei den wettstreitenden Parteien.

Für mich ist Österreich nicht mehr glücklich. Wer derart flennt und sich als politische Memme erweist, kann kaum zufrieden mit sich sein. Das Glück kommt aus dem Norden.

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