IT-Sicherheit bei Maybrit Illner: So hilflos reagieren Politiker und Experten auf Hackerangriff

Mila Lemke
Freie Autorin
Bei Maybrit Illner diskutierten (von links): Anke Domscheit-Berg (Netzexpertin), Stephan Mayer (CSU), Maybrit Illner (ZDF), Katharina Barley (SPD), Miriam Meckel (Kommunikationsexpertin) und Rangar Yogeshwar (Physiker) (Bild: Screenshot ZDF)

Private Chats, Handynummer, Personalausweisdaten und private Fotos – all das veröffentlichte ein 20-jähriger Schüler aus Hessen, der noch bei seinen Eltern wohnt. Über 1000 Personen sind betroffen. Er habe sich über Politiker geärgert, begründete der junge Mann die Aktion. Auffällig: Politiker aller Parteien mussten Eingriffe in ihre Persönlichkeitsrechte hinnehmen – bis auf Vertreter einer Partei: Der AfD. „Wurde die Gefahr aus dem Netz zu lange unterschätzt?”, fragte Maybrit Illner ihre Gäste.

Gäste waren:

  • Stephan Mayer, CSU-Staatssekretär im Bundesinnenministerium
  • Anke Domscheit-Berg, Internetexpertin, die für Die Linke im Bundestag sitzt
  • Miriam Meckel, Herausgeberin der “Wirtschaftswoche” und Professorin für Kommunikationsmanagement
  • Ranga Yogeshwar, Physiker und Wissenschaftsjournalist
  • Katharina Barley, Bundesjustizministerin von der SPD

Naturgemäß schätzten die Diskutanten die Lage ganz unterschiedlich ein.

CSU-Mann Mayer lobte die Arbeit der Ermittler „So schlimm der Vorfall war, aber es hat gezeigt, dass unsere Bundessicherheitsbehörden eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten.” Mayer verklärte die Verhaftung des Nerds zur „Glanzleistung”. Derzeit seien noch 40 BKA-Beamte damit beschäftigt, herauszufinden, ob der juvenile Hacker tatsächlich ein Einzeltäter war. Ansonsten müsse jeder Bürger selbst auf seine Daten achten, etwa durch sichere Passwörter.

Cyberabwehrzentrum der Bundesregierung nur ein Papiertiger?

Die einzig wirklich überraschende Aussage Mayers: Das sogenannte Cyberabwehrzentrum der Bundesregierung arbeitet derzeit nicht rund um die Uhr. Offenbar hofft man in der Bundesregierung, dass die Hacker pünktlich um 17 Uhr Feierabend machen.

Die Bundestagsabgeordnete Anke Domscheit-Berg widersprach: „Aus der Verhaftung eine Glanzleistung zu machen, ist wirklich billig.” Schließlich sei der Täter schon 2016 aufgefallen. Sie warnte vor Versuchen, mit Hilfe des Internets künftige Wahlen zu beeinflussen.

Ranga Yogeshwar übernahm wie immer die Rolle des Mahners. Der Datenklau des 20-Jährigen sei vergleichsweise harmlos gewesen, sagte der Journalist. In der Realität seien wir alle täglich mit viel größeren Problemen konfrontiert. „Handys geben komplette Bewegungsdaten ihrer Besitzer an bis zu 40 Firmen, künftig werden die Geräte sogar unsere Gesundheitsdaten übermitteln”, warnte Yogeshwar.

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Jährlich 50 Milliarden Euro Schaden durch Hackerangriffe auf die deutsche Wirtschaft

Miriam Meckel, Professorin für Kommunikationsmanagement, schlug in dieselbe Kerbe: „Wir müssen uns darauf einstellen, dass es noch schlimmer kommen kann.” Der Wirtschaft entstünden durch Hackerangriffe schon jetzt Schäden in Höhe von 50 Milliarden Euro. Leider erklärte sie nicht, wie diese Zahl zustande kommt.

Bundesjustizministerin Katharina Barley, von der ebenfalls private Daten im Netz publiziert wurden, verteilte Phrasen („Wir schützen ja nicht Daten, sondern wir schützen Menschen.”) und Trostpflaster („Datensicherheit ist auch ein Standortfaktor, denn das macht niemand so gut wie Europa.“) Zudem bekannte sie stolz, ihre Daten mit einer „Zwei-Faktor-Autorisierung” zu schützen. Barley: „Das macht auch nicht jeder Politiker.” Hat aber offenbar nicht viel genutzt.

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Die Lage ist also kompliziert. Was tun? Zusammenfassen lässt sich die Diskussion so: Die CSU verlangt, dass die Bürger selbst auf ihre Daten achten und verspricht, dass das Cyberabwehrzentrum künftig rund um die Uhr arbeitet. Netzexpertin Domscheit-Berg plädiert für ein gemeinwohlorientiertes Netzwerk, das Datensicherheit garantiert, Kommunikationsexpertin Meckel fordert eine bessere Zusammenarbeit der Behörden, der Physiker Yogeshwar schärfere Gesetze und die Bundesjustizministerin verspricht „die Kommunikation zu verbessern.” Alles in allem wirkte das erschreckend hilflos.

Ausgerechnet der Moderatorin Maybrit Illner gelang das Kunststück, die Diskussion völlig weg vom eigentlichen Thema hin ins Reich des Absurden zu führen. Sie fragte Barley: „Wie wollen Sie verhindern, dass Sie nicht wie Hillary Clinton bezichtigt werden, einen Kinderpornoring zu betreiben?” Antwort Barley: „Mir wird ja auch unterstellt, das deutsche Volk austauschen zu wollen.” Kurz darauf erklärte Yogeshwar, dass ein Kind in den USA als erstes Wort nicht Mama oder Papa plapperte, sondern „Alexa” – also die Bezeichnung für die internetbasierte Sprachsteuerung von Amazon. Domscheit-Berg berichtete von englischen Teetrinkern, die vor der Brexit-Abstimmung Internetbotschaften bekommen hätten, nach denen die EU Teekannen verbieten wolle.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt fragte man sich, was der Demokratie mehr schadet: Ein Muttersöhnchen mit Internetzugang oder weltfremdes und folgenloses Talkshow-Palaver.

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