Mutter überfährt versehentlich ihre neunjährige Tochter

Verbesserung der Sicht in US-Autos gefordert

Der Tag, an dem sie ihre eigene Tochter tötete, klingt Judy Neiman noch immer in den Ohren: Das Krachen beim Schließen der Türen des Familien-Vans, das kaum hörbare Geräusch, als die 53-Jährige den Wagen zurücksetzte und so versehentlich ihr neunjähriges Mädchen überrollte, das Schluchzen des Notarztes, der ihr verkündete, dass Sydnee den Zusammenstoß nicht überlebt hatte. Seit dem tragischen Unfall führt Neiman einen erbitterten Kampf mit Regierung und Autoindustrie - sie will erreichen, dass für Großraum-Fahrzeuge wie Vans oder SUVs strengere Sicherheitsvorschriften gelten.

Judy Neimann mit dem Bild ihrer verstorbenen Tochter Sydnee. (Bild: dadp)„Meine Tochter hatte vier Operationen am offenen Herzen überlebt“, zitiert die britische Tageszeitung „Daily Mail“ die 53-jährige Mutter aus Richland im US-Bundesstaat Washington. „Wenn Gott sie in dieser Zeit zu sich geholt hätte, hätte ich das akzeptiert. Aber wie soll ich damit leben, dass es mein Auto war, das sie überfahren hat? Dass ich es war, die sie überfahren hat?“

Wie war es zu dem tragischen Unfall gekommen? Neiman hatte Sydnee und den zehnjährigen Nachbarsjungen zu einer Bankfiliale gefahren. Sydnee wollte dort ihr angespartes Taschengeld einzahlen. Nachdem die Mutter die beiden vor dem Gebäude abgesetzt hatte, wartete sie in ihrem Van auf die Rückkehr der Kinder. Als Neiman eine Hintertür zuschlagen hörte und den Jungen auf dem Rücksitz erblickte, startete sie den Wagen – im Glauben ihre Tochter sei ebenfalls an Bord. Doch Sydnee saß nicht wie vermutet auf ihrem Platz hinter dem Fahrersitz, sondern befand sich noch direkt hinter dem Wagen. Als Judy Neiman zurücksetzte, überfuhr sie ihre Tochter. Sydnee hatte sich zu diesem Zeitpunkt nach ihrem Sparbuch gebückt, dass ihr aus der Hand gefallen war.

Im Dezember jährt sich der Neimans Schicksalstag zum ersten Mal. Auch, wenn nichts den Verlust ihrer Tochter wieder gut machen kann, hat sich die 53-Jährige zur Aufgabe gemacht, Regierung und Autoindustrie dazu zu bewegen, andere Kinder zu schützen. „Sie müssen etwas tun, denn ich habe gelesen, dass das auch anderen Leuten schon passiert ist“, berichtet die Frau Reportern der Nachrichtenagentur „AP“.

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Allein in den USA sterben jedes Jahr 228 Menschen bei ähnlichen Unfällen, 110 davon sind Kinder im Alter von zehn Jahren und jünger. Längst sind sich die Experten einig, dass die Sicht nach hinten vor allem in Großraumfahrzeugen wie Vans oder SUVs dringend verbessert werden muss. Bereits im Jahr 2008 war im Kongress ein Gesetz verabschiedet worden, das Sicherheitsvorkehrungen wie zum Beispiel den Einbau von Rücksichtkameras zwingend vorschreibt. Doch das US-Ministerium für Verkehr hat Fristen für Autobauer, ihre Wagen entsprechend nachzurüsten, bereits drei Mal verschoben. Den Grund für die zögerliche Umsetzung der Sicherheitsmaßnahmen vermuten Kritiker in den immensen Kosten für die Autoindustrie. Rund zwei Milliarden Dollar, so schätzen deren Lobbyisten, müssten für die  Umrüstungsmaßnahmen ausgegeben werden.

Ab dem Jahr 2014 sollten eigentlich alle US-amerikanischen Autos mit Kameras und Videobildschirmen ausgestattet sein. Doch die Autoindustrie hat abermals um zwei Jahre Aufschub gebeten. Kritiker sind entsetzt über das langsame Voranschreiten: "Das ist gewissermaßen ein Todesurteil - und zwar ein grundloses", sagte selbst Joan Claybrook, die frühere Chefin der zuständigen Verkehrsbehörde, gegenüber AP.



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