Expertin Frauke Fischer - Was ist, wenn der Klimawandel gar nicht unser Problem ist?

In Papua-Neuguinea wurde eine seltsame Kreatur an Land gespült (Symbolbild)<span class="copyright">IMAGO/StockTrek Images</span>
In Papua-Neuguinea wurde eine seltsame Kreatur an Land gespült (Symbolbild)IMAGO/StockTrek Images

Alle Welt spricht über den Klimawandel - und das zu Recht. Doch abseits dessen sollten wir uns noch viel mehr Gedanken über etwas anderes machen, schreibt die Expertin Frauke Fischer: den Verlust von Biodiversität.

Unternehmen, Parteien und Privatleute überbieten sich dabei, mit seriösem Blick und sorgenvollem Ton, auf die Klimakrise zu verweisen. Das ist gut und richtig so, aber nicht mehr Stand der neuesten Forschung, wenn es darum geht, die größte Krise unserer Zeit zu benennen und zu bearbeiten. Klimawandel ist unser Problem, entscheidet aber letzten Endes nur darüber, ob es bei unserem Aussterben etwas kühler oder wärmer sein wird, wenn wir einer anderen Krise nicht Herr werden: dem Verlust von Biodiversität und Ökosystemleistungen.

Der Klimawandel entscheidet darüber, wie wir in Zukunft leben, der Verlust von Biodiversität darüber, ob wir überleben.

Worüber reden wir?

Unter Biodiversität versteht man die Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten auf der Ebene von Genen (Frau Schmidt ist weder Frau noch Herr Meyer), Arten (ein Hund ist keine Katze) und Ökosystemen (ein Regenwald ist kein Korallenriff). Zunächst ist wichtig festzuhalten, dass diese Vielfalt des Lebens massiv bedroht ist. In den letzten 50 Jahren haben wir fast 70 Prozent der Bestände aller Wirbeltiere, wie Amphibien, Reptilien, Vögel oder Säugetiere vernichtet. Alleine in Europa haben wir in nur 40 Jahren 800 Millionen Singvögel verloren. Die in diese Analysen einbezogenen Arten sind alle noch da. Wir reden also nicht von einer Aussterbewelle. Sie sind aber alle sehr, sehr selten geworden.

Auch beim Artensterben geht es ordentlich voran. Etwa um den Faktor 1000 haben wir die normale Aussterberate beschleunigt. Das bedeutet, dass das Aussterben der großen Dinosaurier wie T.rex und Konsorten, das vor 66 Millionen Jahren etwa 33.000 Jahre in Anspruch nahm, heute im Zeitraffer von nur 33 Jahren ablaufen würde.

Ein bis zwei verschwundene Arten pro Stunde

Während die Lebensspanne eines Menschen normalerweise nicht ausreicht, das Verschwinden ganzer Arten zu beobachten, geht das heute einfach. Pro Stunde verschwinden ein bis zwei Tier- oder Pflanzenarten von unserem Planeten. Dass wir davon kaum Notiz nehmen, liegt unter anderem daran, dass wir die meisten Arten gar nicht kennen.

Bis heute sind etwa zwei Millionen Arten beschrieben. Das bedeutet, sie haben einen wissenschaftlichen Namen, es liegt eine Beschreibung ihrer äußeren Erscheinung vor und wir wissen, wo sie vorkommen. Die wahre Anzahl von Arten liegt nach den niedrigsten Schätzungen bei knapp unter neun Millionen, nach den höchsten Schätzungen im Bereich von Milliarden von Arten. Auch um die dritte Komponente von Biodiversität ist es nicht allzu gut bestellt. Hier seien nur tropische Regenwälder genannt, die im letzten Jahr mit einer Rate von 11 Fußballfeldern pro Minute verschwanden.

Was kümmert uns jetzt aber, ob eine Fischart in den eisigen Gewässern des Nordpolarmeers oder ein kleiner brauner Frosch im Amazonaswald verschwindet?

Die Natur als bester Dienstleister

Was zunächst klingt, als wäre das nun wirklich nicht unser Problem, gewinnt rasch an Relevanz, wenn man weiß, dass Biodiversität die Grundlage für Ökosystemleistungen ist. Diese Leistungen, die die Natur für Menschen erbringt, lassen sich in vier Kategorien unterteilen:

  • Versorgungsleistungen umfassen alles, was wir direkt aus der Natur entnehmen. Das kann Bau- oder Brennholz sein, Trinkwasser, oder der leckere Steinpilz am Wegesrand.

  • Die zweite Gruppe bezeichnet man als Regulierungsleistungen . Sie umfassen unter anderem die Regulation des Weltklimas, die Bestäubung und die Verhinderung von Erosion.

  • Die dritte Kategorie sind Basisleistungen . Zu ihnen gehört die Fähigkeit bestimmter Organismen – meist über Photosynthese - aus anorganischen Molekülen organische zu machen, fruchtbaren Boden zu bilden und globale Nährstoffkreisläufe aufrecht zu erhalten.

  • Die vierte und letzte Kategorie umfasst kulturelle Leistungen , wie die Erholung, die wir in der Natur finden, die Inspiration oder ihre ästhetischen Werte.

Berechnet man den ökonomischen Wert dieser Ökosystemleistungen, kommt man auf monetäre Werte, die jedes Jahr etwa doppelt so hoch sind wie das weltweite Bruttosozialprodukt. Gleichzeitig wissen wir, dass etwa 60 Prozent dieser menschengemachten Wirtschaftsleistungen direkt oder indirekt von Leistungen der Natur abhängen. Egal ob Banker, Bauer oder Betriebswirt, die Natur ist ihr bester Dienstleister.

Gigantischer Wert, maximale Abhängigkeit

Nicht nur sind die Werte von Ökosystemleistungen gigantisch hoch, wir sind auch maximal von ihnen abhängig. So gilt wir können sie technisch entweder gar nicht ersetzen (zum Beispiel die Generierung fruchtbarer Böden) und wir können sie nur schlecht ersetzen (zum Beispiel die Bestäubung von Nutzpflanzen von Hand). Hinzu kommt: Alle Leistungen, die wir ersetzen, kosten Geld und benötigen für den Bau von technischem Equipment weitere Eingriffe in die Natur.

Und da sind wir wieder beim Anfang dieses Beitrags und der Frage, warum wir eigentlich über das falsche Thema sprechen, wenn wir nur über Klimawandel reden. Der fortschreitende Klimawandel schädigt Biodiversität und Ökosysteme massiv. Wo der Meeresspiegel ansteigt, verschwinden Korallen, Mangroven und Nistplätze von Tieren. Wo Extremwetterereignisse zu Dürren, Überschwemmungen und Waldbränden gigantischen Ausmaßes führen, verschwinden Lebensräume und sterben Tiere. Das alles trifft am Ende auch uns.

Nur die Natur kann uns helfen

Die gute Nachricht ist, dass es aber auch (nur!) die Natur ist, die es uns noch erlauben wird, unsere Klimaziele zu erreichen.

So würde der sofortige Stopp der Zerstörung von tropischen Regenwäldern die weltweiten Emissionen von Treibhausgasen sofort um mindestens zehn Prozent senken. Die Renaturierung von 350 Millionen Hektar degradierten Landes auf unserem Planeten könnte der Atmosphäre bis zu 26 Milliarden Tonnen klimaschädlicher Treibhausgase entziehen und Ökosystemleistungen im Wert von über acht Billionen Euro generieren.

Kümmern wir uns aber nicht um den Schutz von Biodiversität, werden Trinkwasser und Nahrung immer knapper, „Naturkatastrophen“ immer heftiger.