"Hart aber fair": Umweltschutz predigen, Kaffee aus dem Plastikbecher trinken

Johannes Giesler
Freier Autor
Die Arena bei “Hart aber fair” wäre auch nur mit Jan Fleischhauer und Hannes Jaenicke gut bestückt. Die beiden, eine Show, Thema Nachhaltigkeit – das hätte Potenzial. (Bild: Screenshot / ARD)

Deutschland hält sich für den Öko-Weltmeister, produziert aber jedes Jahr mehr Plastik-Müll, pustet jedes Jahr im Privatsektor mehr CO2 in die Luft und verfehlt so jedes Jahr die Ziele des Pariser Klimaabkommens. Steht der Konsum über dem Umweltschutz? Frank Plasberg fragt daher: Gefühltes Öko-Vorbild, gelebter Klimasünder: Lügt sich Deutschland grün?

Die Diskutanten

Svenja Schulze (SPD), Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit

Hannes Jaenicke, Schauspieler und Umweltaktivist

Holger Lösch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie e.V. (BDI)

Heike Holdinghausen ist Redakteurin für Wirtschaft und Umwelt bei der taz. Sie ist dazu Buchautorin „Uns stinkt‘s: Was jetzt für eine zweite ökologische Wende zu tun ist“

Jan Fleischhauer ist Journalist und Buchautor, er hat eine wöchentliche Kolumne bei Spiegel Online („S.P.O.N. – Der schwarze Kanal“)

Ein paar Zahlen vorneweg

Deutschland ist Exportland, das gilt auch für Müll. 1,2 Millionen Tonnen Kunststoff-Abfall verschiffen wir, davon die Hälfte bis nach Asien. In Länder wie China, Hongkong, Malaysia oder Vietnam, denn Abfall gilt als Handelsgut. Asiatische Unternehmen kaufen unseren Müll und verwerten ihn – dachte zumindest unser Ökogewissen, tatsächlich aber wird dort nur wenig recycelt, wie Greenpeace kürzlich zeigte. Der Müll reist also unter großem Energieaufwand um die Welt.

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Auch hierzulande ist die Recycling-Quote schwach. 6 Prozent des Plastik-Mülls werden einfach so verbrannt. 51 Prozent werden als Ersatzstoff verbrannt, um Öl oder Kohle zu sparen, immerhin 40 Prozent werden verwertet für neue Kunststoffprodukte. Aber es gibt fast immer ein Downcycling – das Plastik befindet sich nicht im Kreislauf, sondern wird nach mehreren Runden verbrannt. Ein netter Begriff der Industrie dafür ist übrigens: „thermisch verwertet.“

Jaenicke, der in Talkshows schon lange nicht mehr wegen seines Berufs, der Schauspielerei, sondern wegen seiner Berufung, dem Öko-Aktivismus, eingeladen wird, setzt mit seiner Kritik oben an: „Der Endverbraucher ist vorbildlicher, als das System, in dem wir leben.“ Er fordert, dass die Politik stärker steuert und macht dazu auch konkrete Vorschläge: „Ich kenne nur einen Hersteller – das ist Frosch – der Recyclat verwendet, das ist ein 100-prozentiger Plastik-Kreislauf. Wo bleibt die Plastiksteuer für alle anderen?“ Aber auch den Verbraucher nimmt er nicht aus der Verantwortung, wenn er sagt: „Wir sind das einzige Land der Welt, in dem der Ausstoß im Privatverkehr weiter steigt“ oder „380.000 Coffee-to-go-Becher pro Tag ist keine Müllvermeidung“. Auch deshalb würde Deutschland seine Klimaziele, immerhin 2015 in Paris festgelegt, immer “krachend” verfehlen.


Ein neues Plastikgesetz – aber keine Steuer

Schulze argumentiert gegen eine Plastiksteuer, auch wenn sie Deutschland ebenfalls ein Müll-Problem attestiert. „Wir produzieren jeden Monat eine Milliarde Plastikflaschen.“ Dabei sei Leitungswasser so gesund. Sie hat auch zum 1. Januar 2019 ein neues Verpackungsgesetz mit auf den Weg gebracht, das Unternehmen mit einer Steuer belegt, die Plastik bei der Verpackung einsetzen. „Es muss weniger Plastik insgesamt verwendet und das dann einem Kreislauf zugeführt werden. Wir müssen an die Hersteller ran, aber ohne Plastiksteuer.“ Denn die würde sämtliches Plastik treffen , auch in der Windkraft oder Medizin. Einen großen Einfluss habe zudem der Verbraucher, indem er sich für die Waren entscheide, die nicht verpackt seien. „Im Supermarkt muss der Verbraucher wählen können, zwischen unverpackten und verpackten Lebensmitteln.“

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„Wenn Müll exportiert ist, gilt er als verwertet“, sagt Holdinghausen. Da müsse man Abstufungen schaffen, weil ein Großteil des exportierten Mülls verrotten oder verbrannt würde. Auch sie sieht Verantwortung und Steuerungspotential beim Verbraucher – denn die Recyclingbranche klagt offen, sie könne zwar viel mehr Produkte herstellen, aber die Nachfrage sei nicht da. Etwa, dass schwarzer Kunststoff nicht recycelt werden könne, die Deutschen aber immer zielsicher zu schwarzen Verpackungen greifen würden. „Zudem gibt es oft keine Alternativen, in Discountern, Aldi oder Lidl etwa, gibt es keine Mehrwegflaschen, nur Plastik. Da fehlt der Rahmen, um sich umweltfreundlich verhalten zu können.“


Nur dem Verbraucher nicht zu viel zumuten

Fleischhauer, der als Opposition eingeladen wurde, sagt: „Überfordert die Leute nicht. Wir trennen Müll, zahlen die höchsten Strompreise, nehmen die Enteignung hin mit den Dieselmotoren. Ich glaube, wir müssen aufpassen, dass wir die Schraube nicht überdrehen.“ Die Ökobilanz müsse eben stimmen. Mit dem Porsche-SUV zum Bio-Laden zu fahren, für das reine Gewissen – nein, das sei Schwachsinn. Recycling und viel fliegen (ein Seitenhieb gegen Vielflieger Jaenicke)? In seinen Augen genauso inkonsequent wie sich fürs reine Gewissen ein Elektroauto zu kaufen, dessen Ökobilanz im Vergleich zu einem Verbrenner erst nach 120.000 Kilometern im Reinen sei.

Aber Fleischhauer bekommt noch seinen Moment der stupiden Provokation, als es um Tempolimits geht – die alle in der Runde für sinnvoll halten, aber eben nicht aus Umweltsicht, da ist es marginal: „Ich bin gegen das Tempolimit, obwohl es irrational ist. Die Amerikaner verteidigen ihre Waffen, wir unser Tempolimit. Da reden wir von 200 Toten auf der Autobahn, das sind nicht viel.“

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Zuletzt noch Lösch, der die Unternehmersicht einnimmt: „Wir müssen uns davon lösen, dass Müll zu verarbeiten etwas Unanständiges ist. Müll ist ein Wertstoff. Wir müssen besser werden mit der Sammlung, die ist unzureichend.“ Dann hebt er noch positive Initiativen der Industrie hervor, etwa Henkel, BASF oder Pepsi, die an innovativen Ideen arbeiteten oder sich entsprechende Ziele gesteckt hätten. Nur ist nichts davon spruchreif. Aber auch er stimmt Fleischhauer zu, den Verbrauchern nicht zu viel zuzumuten. „Wir müssen vorsichtig bei der Mobilität sein, zu hohe Belastungen gehen die Menschen nicht mehr mit. Es gibt insgesamt ein positives Votum für Klimaschutz, aber bei Wärme, Wohnung und Mobilität auch wenig Bereitschaft, sich einzuschränken.“


Unverständnis und Wut bei der jungen Generation

Einschränken, das verlangt auch der letzte Gast des Abends, Jakob Blasel. Der 18-jährige Schüler ist einer der deutschen Initiatoren der „Friday for Future“-Demonstrationen. An jedem Freitag beteiligen sich etwa 30.000 Schüler in Deutschland an Demonstrationen für den Umweltschutz. Er sagt: „Einer der großen Unterschiede ist, dass niemand in der Runde so lange hier sein wird, wie ich. Ich habe keine Panik, aber krasses Unverständnis und große Wut, dass nichts getan wird und alles viel schwieriger wird, je länger wir warten.“ Die Konsequenzen, etwa bedrohte Jobs in der Kohle-Branche, seien Versäumnisse im Klimaschutz der vergangenen Jahrzehnte. „Dass wir das 1,5 Grad-Ziel einhalten, ist Aufgabe der Politik.“


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