Talk bei "Markus Lanz": „Ich-first ist das Ende jeder Politik“

Markus Lanz (l.) spricht mit dem ehemaligen Bundesfinanzminister Theo Waigel. (Bild: Screenshot/ZDF)

Wanderpilgern durch die Alpen, eine europäische Idee gegen Populismus und neuer Mut für ein neues Leben. Die Themen für einen abwechslungsreichen Talkabend bei Markus Lanz sind angerichtet.

Die Diskutanten

Theo Waigel, ehemaliger Bundesfinanzminister: „Zu Europa gibt es keine Alternative”. Der „Vater des Euro“ äußert sich zum Brexit und spricht über Europas Zukunft.

Bascha Mika, die Journalistin ist Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau. Sie bezeichnet den Brexit als „Armutszeugnis“.

Kristina Vogel, die erfolgreichste Bahnradsportlerin der Welt. Am 26. Juni 2018 stößt sie bei einer Trainingsrunde mit einem anderen Fahrer zusammen und ist seitdem querschnittgelähmt.

Ana Zirner, für die Autorin und Regisseurin bedeuten Berge Freiheit. In ihrem Buch „Alpensolo“ erzählt sie, wie sie alleine zu Fuß die Alpen von Ost nach West überquert hat.

Ein großer Europäer

Theo Waigel zeigt mit seinem eröffnenden Statement, dass es befreiend sein kann, nicht mehr aktiv Politik zu betreiben und auf jede Nuance achten zu müssen – sondern mit einer gewissen Altersweisheit einfach mal drauf los zu plaudern, ohne sich Gedanken über die Gravitas der eigenen Worte, der eigenen Verantwortung, der Tragweite der Aussagen machen zu müssen. Und so changiert Waigel während der Sendung zwischen Passagen wenn „Opa vom Krieg erzählt“ und emotionalen Analysen, die noch eine große Leidenschaft für Europa erkennen lassen.

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„Großbritannien gibt ein Bild des Jammerns ab. Es ist ein völliges Versagen der politischen Elite. Das gilt auch für die Opposition. Jeder spielt nur Taktik. Die Politiker, die das eingebrockt haben, sind abgetaucht. So wie David Cameron. Nigel Farage oder Boris Johnson, die das Volk angelogen haben, werden kaum attackiert.“

Hoffnung in die junge Generation

Waigel wiederholt immer wieder, dass er den Glauben an bestehende Strukturen verloren hat. Und seine Hoffnung „auf die junge Generation“ setze, die demonstriere und pro-europäisch sei. Er plädiert dafür, auch nach dem Austritt die Hand offenzuhalten in Richtung Großbritannien, wenn vielleicht in zehn Jahren der Wunsch da ist, in die EU zurückzukehren. Denn rein und raus, das sei seit 1945 bei den Briten ganz normal.

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Für den heiß diskutierten Brexit spricht sich Waigel für ein Entgegenkommen der EU aus. Wie das aussehen könnte, konkretisiert er aber nicht. Nur, dass es keinen „Wiederholungseffekt“ geben und nicht an den vier Freiheiten gerüttelt werden dürfe. Er sieht die Unfähigkeit zum Dialog am weltweiten Trend zum Egoismus: „Ich-first ist das Ende jeder Politik. Wir leben vom Dialog und Kompromiss.“

Waigel hält es für untragbar, zwischen der britischen Provinz Nordirland und dem EU-Mitglied, der Republik Irland eine Grenze zu ziehen, nicht nur wegen des blutigen Konflikts zwischen den Ländern, der wieder aufzubrechen droht. „Man kann zwischen den Regionen keine Grenze errichten, wenn überall auf der Welt Grenzen fallen.“

Sind die Populisten schuld?

Für Bascha Mika ist der Ursprung des Übels der Populismus. Populisten sagten, die da oben würden alles falsch machen und es gebe nur eine einfache Lösung. „Es gibt leider zu viele Menschen, die daran glauben“, erklärt sie. „Gleichzeitig werden die, die sagen, es ist alles viel komplizierter und wir müssen uns mehr anstrengen, um vielen Seiten gerecht zu werden, einfach weggewischt.“ Aber Europa sei kompliziert und müsse hart um Kompromisse ringen. Einfach gestrickten Schreihälsen zu glauben, führe uns alle in eine Richtung wie Großbritannien.

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Für Mika sei der entscheidende Unterschied zu heute, dass es früher eine Idee gegeben habe, ein europäisches Herz, das verbunden hätte. Dann zieht sie einen kruden Vergleich: „Wie beim Eurovision Song Contest. Es ist zwar banal, aber man singt ein Lied zusammen.“ Leider hätte man es versäumt, mehr aus Europa zu machen, als einen Wirtschaftsraum. Die Staatengemeinschaft könne nicht sozial sein, ohne einheitliche Standards, die allen Einwohnern Sicherheit gebe.

„Hätte, hätte, Fahrradkette“

Der nächste Gast ist Kristina Vogel, die ehemals weltbeste Bahnradsportlerin, die noch immer zwei Weltrekorde hält und seit einem Trainingssturz im vergangenen Jahr querschnittgelähmt ist. Sie ist bei 60 Kilometer pro Stunde in einen jungen Kollegen gerast, der nicht auf der Bahn hätte stehen dürfen und dann in die Leitplanke geknallt. Lanz legt ganz lapidar los: „Wie geht’s ihnen heute?“

Vogel: „Es passt. Der Querschnitt bringt viele neue Situationen mit sich. Das ist das Jahr der ersten Male, so habe ich es betitelt. Ich fühle mich frei, ich habe alles erreicht und muss nichts mehr beweisen.“

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„Woher nehmen Sie die Kraft?“

„Ich habe keine Ahnung. Mama, Papa, Familie und Freunde, ohne die wäre es nicht möglich. Die mich unterstützen und mir den Willen geben. Ich habe 18 Jahre machen können, was ich wollte. Das war eine geile Zeit. Aber, wie oft hat man sich im Straßenverkehr gedacht: ‚Verdammt, war das knapp.‘ Das ‚hätte, hätte, Fahrradkette‘ bringt mir nichts. Je schneller ich die Situation akzeptiere, desto schneller komme ich voran.“

„Was haben Sie gelernt?“

„Das Leben ist kostbar, wie oft sagt man ‚ja‘, obwohl man ‚nein‘ sagen sollte. Brexit, Eurokrise, Atomraketen, man rennt nur noch. Macht Überstunden, statt zuhause zu sein. Ich würde mir wünschen, öfter mal durchzuatmen. Schade, dass man einen Unfall gebraucht hat. Jetzt habe ich mehr Zeit mit Familie und Freunden.“

Durch die Alpen

„Nein“, hat Ana Zirner gesagt, zum Alltag und zum Trubel und ist einfach ausgestiegen. Sie ist in zwei Monaten alleine durch fünf Länder – über eine Distanz von 1.000 Kilometern und 120.000 Höhenmetern – und kreuz und quer durch die Alpen gewandert. „Allein, weil die meisten Freunde eher feiern und rauchen. Ich war vorher auch schon allein unterwegs. Da treffe ich jede Entscheidung sehr bewusst. Es gibt keine gefährliche Gruppenentscheidung. Ich glaube, ich bin dann sicherer unterwegs“, sagt sie.

Dennoch, ungefährlich war es nicht: „Es gab zwei kleine Stürze. Bei einem hätte ich keinen Meter weiterfallen dürfen, da war der Abgrund. Der entscheidende Fehler war aber, danach keine Pause zu machen, dann bin ich noch über meine Schnürsenkel gefallen.“

Geschlafen hat sie draußen, ohne Zelt, im Schlafsack und wurde dabei fast von einem Steinbock angepinkelt. Der habe sie aber knapp verfehlt, dabei aber ganz arrogant geschaut, als wolle er sagen, das sei sein Berg.

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