Leider langweilig: Der neue Tatort aus Göttingen

Frank Brunner
Freier Autor
Anaïs Schmitz (Florence Kasumba, l.) und Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) auf Verbrecherjagd. (Bild: NDR/Christine Schroeder)

Ein relevantes Thema, drastische Bilder und jede Menge Blut – ergeben noch keinen spannenden Krimi. Das bewies der Tatort am Sonntagabend. Schuld daran waren nicht die Schauspieler, sondern ein schwaches Drehbuch voller Klischees.

Die Story

Kommissarin Charlotte Lindholm wurde vom LKA Hannover zur Polizeidirektion Göttingen strafversetzt. Dort muss sie mit einem neuen Team klarkommen. Dabei hatten ihre früheren Vorgesetzten ihr mangelnde Teamfähigkeit attestiert.

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Kaum angekommen, werden sie und ihre neue Kollegin Anaïs Schmitz in eine abbruchreife Schul-Umkleide gerufen. Dort, auf dem Klo, hatte die 15-jährige Julja ein Baby zur Welt gebracht. Doch von Mutter und Kind fehlt jede Spur. Und der überforderte, alleinerziehende Vater ist keine Hilfe. Also suchen Lindholm und Schmitz das Mädchen und ihr Kind – und sie suchen die Antwort auf die Frage: Wer ist der Vater? Verdächtig machen sich – wir sind schließlich beim Tatort – die üblichen Verdächtigen: Juljas Vater, der Vertrauenslehrer, ein Boxtrainer und der Oberstufen-Casanova. Soweit so erwartbar.

Relevanz

Fälle, wie in diesem Tatort, sind gar nicht mal so selten. „In Deutschland gibt es jährlich etwa 1.600 nicht oder erst spät wahrgenommene, sogenannte verdrängte Schwangerschaften”, sagt Anke Rohde, Fachärztin für Psychiatrie, die die Filmemacher beraten hat.

Schwanger und überfordert: Julja Petkow (Lilly Barshy). (Bild: NDR/Christine Schroeder)

Es gebe junge Frauen, die Zuhause in ihrem Zimmer ein Kind zur Welt bringen, während im Nachbarzimmer die Eltern oder der Partner sitzen, und sie machen sich nicht bemerkbar, weil sie so große Angst vor der Entdeckung haben, erklärt die Expertin.

Der Konflikt

Mittlerweile kommt kaum ein Tatort ohne Zoff zwischen den Ermittlern aus. Das nervt. Weil es die Aufmerksamkeit vom Fall weg auf Nebenkriegsschauplätze verlagert. Statt rasant einen packenden Krimi zu erzählen, kurvt die Handlung im Schritttempo um zwei große Egos.

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Bei Lindholm und Schmitz erleben wir eine neue Variante dieser Masche. Maria Furtwängler gibt die verbohrte Einzelkämpferin, ihre Schauspielkollegin Florence Kasumba die ähnlich tickende Powerfrau. Schon die erste Begegnung der Kommissarinnen wird zum Debakel.

Lindholm hält die dunkelhäutige Schmitz im weißen Kittel für eine Putzfrau und blafft: „Sie wollen doch hier nicht putzen, das ist ein Tatort.” Später verpasst Schmitz der Kollegen eine Ohrfeige. Sekunden später entschuldigt sie sich: „Mangelnde Impulskontrolle, hab‘ schon Therapien gemacht, nützt nichts.” Plakativer geht es kaum.

Wer ist Lindholms neue Partnerin ?

Die Schauspielerin Florence Kasumba wurde 1976 in Kampala (Uganda) geboren und verbrachte ihre Kindheit in Essen. Nach dem Abitur studierte sie Schauspiel, Gesang und Tanz in den Niederlanden. Nach ihrem Abschluss spielte sie in zahlreichen deutschen und österreichischen Musical-Produktionen wie „Chicago“, „Der König der Löwen“, „West Side Story“, „Evita“, „Die Schöne und das Biest“ sowie die Hauptrolle in Elton Johns „Aida“ Auch in zahlreichen internationalen Kinofilmen spielte Kasumba mit. Etwa in „Captain America – Civil War“ (2016), „Emerald City“ (2017), „Wonder Woman“ (2017) und in „Black Panther (2018). Seit Oktober 2018 ist Florence Kasumba in der zweiten Staffel der preisgekrönten Serie „Deutschland `86“ zu sehen.

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Die schlimmsten Klischees der Folge

Lindholms neuer Chef ist ein tolpatschiger Kumpeltyp, der allen Kollegen gleich das „du” anbietet und Wikipedia-artige Vorträge über Göttingen hält. (Viele Fahrräder, viele Studenten, kein Respekt vor der Polizei). Auf die Spur des Täters kommen die Ermittlerinnen durch ein unscheinbares Detail auf einer Kinderzeichnung, das Lindholm kurz vor Feierabend entdeckt. Der Gerichtsmediziner ist gleichzeitig der Partner von Lindholms neuer Kollegin und ein Schürzenjäger der ganz alten Schule. Kommissarin Schmitz hatte – passend zum Sujet – ein halbes Jahr zuvor eine Fehlgeburt und sagt: „Ich will nicht darüber reden.” In diesem Stil vergehen die 90 Minuten.

Lustigste Szene

Die gab es ganz am Anfang. Als Lindholms 11-jähriger Sohn zu seiner Mutter, die ihn nicht aufs Fußballinternat schicken mag, sagt: „Du gönnst mir nur nicht meine Karriere.”

Am Ende entpuppt sich als Täter jener Typ, den man spätestens nach 20 Minuten in Verdacht hatte. Denn wie in fast jedem Tatort ist es der vermeintliche Samariter, den die Drehbuchschreiber so lange bemüht als gute Seele präsentieren, bis klar war: Nur er konnte es gewesen sein. Komplex war an diesem Tatort nur eins: Die Fönfrisur des obligatorischen Schulhof-Dealers.

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