Aus Trauer wird Wut: Polizeifehler bei US-Schulmassaker?

Polizisten warteten lange vor jenem Klassenraum in Texas, in dem ein Schütze 21 Leben auslöschte. Sie schritten nicht ein, trotz verzweifelter Notrufe von Kindern aus dem Inneren. Der US-Präsident will der Gemeinde Trost spenden.

Trauernde Menschen vor der Grundschule in Uvalde. (Bild: dpa)
Trauernde Menschen vor der Grundschule in Uvalde. (Bild: dpa)

Washington/Uvalde (dpa) - Fünf Tage nach dem verheerenden Amoklauf an einer Grundschule in Texas mit 21 Toten ist US-Präsident Joe Biden in den Bundesstaat gereist. Er landete am Sonntag gemeinsam mit seiner Ehefrau Jill in San Antonio.

In der nahe gelegenen Kleinstadt Uvalde hatte ein 18 Jahre alter Amokläufer am Dienstag an einer Grundschule 19 Kinder und zwei Lehrerinnen erschossen. Der Präsident und die First Lady wollten in Uvalde die Grundschule besuchen, an einem Gottesdienst teilnehmen und sich mit Angehörigen der Opfer sowie mit Überlebenden treffen.

US-Präsident Biden besucht Uvalde

Nach dem brutalen Massaker steht die Polizei wegen dramatischer Versäumnisse schwer in der Kritik. Offiziellen Angaben zufolge waren bereits zu einem frühen Zeitpunkt 19 Polizisten im Flur vor dem Klassenraum präsent, in dem sich der Amokläufer mit Lehrern und Schülern verschanzt hatte. Die Beamten unternahmen aber mehr als 45 Minuten lang keine Versuche, in den Raum einzudringen. Angehörige warfen der Polizei vor, sie hätten Leben retten können. US-Präsident Joe Biden will am Sonntag die Gemeinde Uvalde besuchen, in der Trauer zunehmend in Wut umschlägt.

US-Präsident Joe Biden reist nach Uvalde. (Bild: dpa)
US-Präsident Joe Biden reist nach Uvalde. (Bild: dpa)

Ein 18 Jahre alter Schütze hatte am Dienstag an der Grundschule in der texanischen Kleinstadt Uvalde 19 Kinder und zwei Lehrerinnen getötet. Er hatte sich mit Schülern und Lehrern in zwei miteinander verbundenen Klassenräumen eingeschlossen und dort mit einem Sturmgewehr um sich geschossen.

Hilfe blieb lange aus

Was Ermittler auf Basis von Videoaufnahmen, Zeugenaussagen, Polizeikommunikation und Notrufen bislang rekonstruiert haben, ist erschütternd. Der Schütze drang demnach um kurz nach 11.30 Uhr (Ortszeit) in die Grundschule und in den Klassenraum ein und begann zu schießen. Wenige Minuten später waren die ersten Polizisten vor dem Klassenzimmer. Es folgten weitere Beamte. Um kurz nach 12.00 Uhr waren 19 Polizisten im Flur vor dem Klassenraum postiert.

Um die gleiche Zeit begannen nach offiziellen Angaben Schüler aus dem Inneren des Zimmers verzweifelt, den Notruf der Polizei zu wählen. Darunter war eine Schülerin, die mehrmals hintereinander anrief. Mit flüsternder Stimme berichtete sie zuerst von mehreren Toten. In einem anderen Anruf sagte sie wenig später, acht bis neun Schüler seien noch am Leben. Noch immer kam keine Hilfe. 40 Minuten nach dem ersten Anruf flehte das Mädchen, man möge bitte sofort die Polizei schicken.

Polizei wartete auf Verstärkung

Die Polizisten vor der Tür warteten derweil auf Verstärkung, wie die Behörde für öffentliche Sicherheit in Texas am Freitag offenbart hatte. Der verantwortliche Beamte sei der Meinung gewesen, dass nach den ersten Schüssen keine Kinder mehr in Gefahr seien. Das sorgt nun für Fassungslosigkeit. Erst um 12.50 Uhr drangen Einsatzkräfte in den Raum ein - mit einem Schlüssel, den sie vom Hausmeister besorgt hatten - und töteten den Amokläufer. Mehr als 75 Minuten, nachdem dieser drinnen das Feuer eröffnet hatte. In der Zwischenzeit löschte der Angreifer 21 Leben aus. 17 weitere Menschen wurden verletzt.

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Eines der Kinder, das den Notruf gewählt hatte, ist eigenen Angaben zufolge die elfjährige Miah. Sie schilderte dem Sender CNN die schrecklichen Szenen, die sich in ihrer Klasse abspielten. Der Schütze sei in das Zimmer gekommen und habe zu einer Lehrerin "Gute Nacht" gesagt und die Frau erschossen. Er habe dann auf die andere Lehrerin und die Kinder geschossen. Als der Angreifer in den Nachbarraum gegangen sei, habe sie mit einer Freundin das Telefon der getöteten Lehrerin holen können und den Notruf angerufen. Das Mädchen habe sich schließlich mit dem Blut eines toten Klassenkameraden beschmiert, um sich tot zu stellen, berichtete CNN. Ihm sei nicht bewusst gewesen, dass die Polizei bereits im Flur stand.

Angehörige der Opfer erheben schwere Vorwürfe

Angehörige erhoben angesichts der neuen Erkenntnisse schwere Vorwürfe gegen die Polizei. «Sie hätten einige Leben retten können», zitierte die "Washington Post" den Großvater einer getöteten Schülerin. «Sie hätten sie retten können», sagte er mit Blick auf seine Enkelin. Auch der Vater eines getöteten Kindes sagte dem Sender CNN, seine Tochter könnte womöglich noch leben, hätte die Polizei anders gehandelt. Die Mutter einer anderen Schülerin klagte: "Sie haben zu lange gewartet."

Der Demokrat Roland Gutierrez aus dem texanischen Senat beklagte ebenfalls, die Fehler bei dem Einsatz hätten möglicherweise Leben gekostet. "Am Ende hat jeder hier versagt", sagte der Demokrat am Sonntag dem Sender CNN. Das gelte auch für das texanische Parlament, das nicht strengere Waffengesetze durchgesetzt habe.

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Der Amoklauf von Uvalde hat die Debatte über eine Verschärfung der Waffengesetze in den USA einmal mehr angefacht. Viele Republikaner sperren sich seit Jahren gegen strengere Regularien. Auch der republikanische Ex-Präsident Donald Trump verteidigte am Freitag bei einem Auftritt vor der mächtigen Waffenlobby NRA (National Rifle Association) das vielerorts laxe Waffenrecht in den USA und forderte stattdessen mehr Waffen an Schulen. "Die Existenz des Bösen ist einer der allerbesten Gründe, gesetzestreue Bürger zu bewaffnen", sagte er. Bewaffnete Lehrer und bewaffnete Sicherheitskräfte könnten schreckliche Taten wie die in Uvalde verhindern, argumentierte Trump.

Proteste bei NRA in Houston

Die Jahrestagung der NRA fand in Houston in Texas statt, nur drei Tage nach dem Massaker, das sich rund 450 Kilometer entfernt in der Schule in Uvalde ereignet hatte. Vor dem Veranstaltungsgelände protestierten Medienberichten zufolge Tausende Menschen gegen Waffengewalt und die NRA. Die Vereinigten Staaten haben seit langem mit Waffengewalt von gewaltigem Ausmaß zu kämpfen.

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