Frankreichwahlen: Das Dilemma des zweiten Wahlgangs, für Wählerschaft und Kandidaten

Frankreichwahlen: Das Dilemma des zweiten Wahlgangs, für Wählerschaft und Kandidaten

Sollten sie ihre Kandidatur aufrechterhalten oder sich zurückziehen, um der extremen Rechten den Weg zu versperren? Vor diesem Dilemma standen die qualifizierten Kandidaten, die in der ersten Runde der Parlamentswahlen den dritten Platz belegt hatten.

Im zehnten Wahlkreis des Departements Nord, der einen Teil der Stadt Tourcoing umfasst, lag der Kandidat der Macronisten und Innenminister Gérald Darmanin im ersten Wahlgang mit 36 Prozent der Stimmen knapp an der Spitze. Ihm dicht auf den Fersen war der Kandidat des Rassemblement National, Bastien Verbrugghe, der 34 Prozent der Stimmen erhielt.

Die drittplatzierte Leslie Mortreux, Kandidatin der Nouveau Front Populaire (NFP), erreichte mit 24Prozent der Stimmen die deutlich mehr als die erforderlichen 12,5 Prozent, um sich für den zweiten Wahlgang zu qualifizieren. Sie beschloss jedoch, sich zurückzuziehen, um das Rassemblement National zu blockieren.

RN verhindern

Die Kandidatin der Partei Ökologischen Revolution für das Leben (REV) spricht von einer schwierigen Entscheidung.

"Man muss zugeben, dass Gérald Darmanin kein Macronist wie jeder andere ist. Trotzdem hätte ich den Wählern nicht in die Augen schauen können und sagen, dass ich nicht alles getan habe, um zu verhindern, dass die Front National durchkommt", erklärt die LFI-REV-Kandidatin im Gespräch mit Euronews.

Eine Entscheidung, die der Sektionsekretär der Sozialistischen Partei in Tourcoing begrüßte.

"Es ist eine kohärente Entscheidung, die mit den nationalen Empfehlungen in Verbindung steht, aber auch mit den Überzeugungen der linken Wählerschaft, die in ihrer Geschichte immer die nationale Sammlung blockiert hat", versichert Ali Laazaoui gegenüber Euronews.

Gespaltene Wählerschaft

Vor Ort sind die Gefühle der Wähler im Vorfeld der zweiten Runde gemischt. Einige befürworten den Verzicht der drittplatzierten Kandidaten, um der extremen Rechten den Weg zu versperren.

"Wenn sie bleiben, ist es sicher, dass der Front National durchkommt. Dann ist es schon besser, Darmanin die Stimme zu geben", meinte ein Wähler der Linken.

"Im ersten Wahlgang habe ich links gewählt, um das Rassemblement National zu blockieren, aber im zweiten Wahlgang zögere ich, Darmanin zu wählen", erklärt Adam, 19, Auszubildender bei Mister Cook. Auch wenn er die extreme Rechte nicht durchlassen will, möchte er zunächst die Programme analysieren, bevor er seinen Stimmzettel in die Wahlurne wirft.

"Meiner Meinung nach haben sie Angst vor dem RN. Sie haben Angst und versuchen, sich zu verteidigen, was ihnen auf jeden Fall nicht gelingen wird", meint ein 18-jähriger Wähler des Rassemblement National, ein Pferdepfleger, der sich sicher ist, dass die RN die Mehrheit in der Nationalversammlung erringen wird.

Andere Wähler sind es leid, "gegen" die RN stimmen zu müssen, anstatt "für" einen Kandidaten oder eine Kandidatin zu stimmen, der oder die ihre Überzeugungen teilt. Sie sind auch nicht bereit, Gérald Darmanin ihre Stimme zu geben, da einige seiner Positionen bei linken Wählern auf Ablehnung stoßen.

"Man hat wirklich den Eindruck, in einer politischen Welt zu leben, in der es nur um die Politiker geht, und wir haben das Gefühl, dass wir außen vor sind. Wem haben wir denn die Frage gestellt, ob diese politischen Absprachen gut sind? Reicht es zu sagen, dass wir verhindern? Wielange werden wir noch verhindern?", fragt die Schauspielerin Saliame Khéloufi sichtlich bewegt.

89 'Dreiecke' von 306

Nach dem Sieg des Rassemblement National bei den Europawahlen rief Präsident Emmanuel Macron vorgezogene Parlamentswahlen aus, um die Nationalversammlung zu erneuern.

Auf nationaler Ebene ging der Rassemblement National in der ersten Runde der Parlamentswahlen mit 33,20 Prozent der Stimmen als Sieger hervor. Die Neue Volksfront wurde mit 28.27 Prozent der Stimmen zweitstärkste Kraft, gefolgt von der Partei der Präsidentenmehrheit, Ensemble, die 21.73 Prozent der Stimmen erhielt.

Die hohe Wahlbeteiligung im ersten Wahlgang (66,7%) führte dazu, dass mathematisch gesehen die Anzahl der möglichen Dreieckswahlen anstieg, eine Konstellation, bei der drei Kandidaten mit mehr als 12,5% der Stimmen in den zweiten Wahlgang kommen.

Angesichts des historischen Ergebnisses des RN riefen die Neue Volksfront und Ensemble dazu auf, das Rassemblement National zu blockieren. Um eine Zersplitterung der Stimmen zu vermeiden, wurden die drittplatzierten Kandidaten aufgefordert, ihre Kandidatur zurückzuziehen.

224 qualifizierte Kandidaten zogen sich in der Zwischenrunde zurück. Von den 306 möglichen Dreiecksverhältnissen im zweiten Wahlgang werden nur 89 stattfinden.

Reicht das aus, um zu verhindern, dass das Rassemblement National eine Mehrheit in der Nationalversammlung erlangt? Antwort am 7. Juli.