Kommentar: Berlinale: Der heuchlerische Umgang mit der AfD

Der scheidende Chef der Berliner Filmfestspiele Dieter Kosslick hat sich selbst ein Ei gelegt. (Bild: Getty Images)

Doppelt dumm gelaufen: Berlinale-Chef Dieter Kosslick lädt AfD-Mitglieder zu einem Film ein. Vier wollen kommen, werden aber angegriffen. Ersteres ist blöd, letzteres verwerflich. Inhaltliche Auseinandersetzung geht anders.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Mich verwundert, wie komisch der Umgang mit der AfD zuweilen ist. Diese Partei wird manchmal behandelt wie ein Raumschiff Außerirdischer, bei der die einen zum Laser greifen und die anderen meinen die kleinen braunen Männchen auf einem roten Teppich schlicht vorführen zu können. Beides ist grundfalsch.

Der scheidende Chef der Berliner Filmfestspiele Dieter Kosslick zum Beispiel meinte eine gute Idee zu haben. Er lud ganz allgemein Mitglieder der AfD zu einer Kinovorstellung ein, auf seine Kosten. Es handelte sich um einen Besuch des Films „Das Geheimarchiv im Warschauer Ghetto“, eine Dokumentation über das Leben der Juden im Ghetto – und wie sie von den Nazis ermordet wurden. „Und wenn sie dann noch sagen, das ist ein Fliegenschiss, dann muss ich sagen, sollte vielleicht jemand anderes einschreiten als die Filmemacher“, stellte Kosslick fest.

Welch ein Wunder, dass kaum jemand von der AfD kam.

Einmal Kino = kein Nazi mehr

Kosslick meinte mit Fliegenschiss womöglich den Vogelschiss, als den AfD-Chef Alexander Gauland die paar braunen Jahre in der deutschen Geschichte bezeichnete. Doch was hatte sich der Herr eigentlich bei dieser Einladung gedacht? In der AfD mag es ein paar Hitler-Fans, Nazis und Leugner der deutschen Vernichtungslager geben. Eine deutliche Minderheit bilden sie aber gewiss. So ist Kosslicks Hoffnung eine Mischung aus Fehlwahrnehmung und Naivität, wenn er denkt mit seiner Einladung Positives bewirken zu können.

Ein Nationalist und Rassist, und davon gibt es in der AfD deutlich mehr, hat keine Probleme eine Doku über das Warschauer Ghetto zu schauen, sein Weltbild gerät nicht ins Wanken. Bei „Schindlers Liste“ würde er vielleicht weinen. Natürlich gibt es Nationalisten und Rassisten, und davon gibt es auch einige in der AfD, die mögen es gar nicht, wenn Kritisches über Deutschland gesagt wird, auch nicht über das von Nazis regierte. Sie mögen an den Nazis die vorgebliche Kameradschaft, den Volkstumsgedanken, das angeblich Große am Militärischen und weiteren Quatsch. Denen wäre solch ein Filmbesuch womöglich unangenehm.

Aber Kosslick hatte seine Aktion nicht zu Ende gedacht. Erstens gibt er oberlehrerhaft vor, dass ein Kinobesuch entsprechenden Erfolg zu zeitigen habe, nämlich: „Und wenn sie dann noch sagen, das ist ein Fliegenschiss…“. Ja, was dann? Hat Kosslick dann alles probiert, gesagt, was zu sagen ist? Wer soll dann „einschreiten“?

Auch das von Kosslick gewählte Podium ist keine Auseinandersetzung auf Augenhöhe, sondern eine Vorführung der AfD-Mitglieder. Hätte eines von ihnen eine kritische Anmerkung gehabt, sich offen als Rechtspopulist zu erkennen gegeben, es wäre ausgebuht worden, hätte die Empörung jener zu spüren gekriegt, die sich dabei ganz toll finden und beim anschließenden Rotwein am Bufett ihr lautes Kopfschütteln als antifaschistischen Widerstand abhaken.

Petr Bystron (AfD) steht vor dem Kino International im Rahmen der Premiere des Films “Who do you think I am”. Politiker der AfD haben eine Einladung von Berlinale-Direktor Kosslick zum Dokumentarfilm “Das Geheimarchiv im Warschauer Ghetto” weitgehend ausgeschlagen. (Bild: Gregor Fischer/dpa)

Das Spiel mit der Gewalt

Und so kam es noch schlimmer. Vier AfDler wollten zur Vorführung. Aber sie wurden in der Nähe des Kinos angegriffen. Es gibt ihren Aussagen zufolge keinen Grund daran zu zweifeln, dass sie von Aktivisten der „Antifa“ angegriffen wurden, zwei wurden dabei leicht verletzt. Dazu lässt sich nur die moralische Verwerflichkeit dieser Aktion feststellen. Gewalt käme nur als mögliches Mittel der Auseinandersetzung ins Spiel, wenn es um eigene Selbstverteidigung oder um die wankende Republik ginge, wenn eine rechte Gewalt das Land und seine Strukturen angreift, wenn rechtsstaatliche Instrumente nicht mehr greifen – aber davon sind wir sehr, sehr weit entfernt. WKommentarenn die Antifa jetzt den Bürgerkrieg ausruft, irrt sie schlicht. Manche tun das womöglich mit hehren Absichten, ändert aber nichts am Fehler, das Z an den Anfang des Alphabets zu setzen.

Auch strategisch sind solche Attacken falsch. Sie schrauben nur an der Gewaltspirale und dienen manchen Rechten zum Vorwand, nicht nur sich als Opfer zu stilisieren, sondern auch, um selbst Gewalt anzuwenden; und in Gewaltangelegenheiten sind Rechte immer mehr angesprochen als Linke, es liegt in der DNA ihrer Ideologie.

Bei der Berlinale ist also einiges schiefgelaufen. Kosslick lieferte der AfD eine Steilvorlage. Die kostet zum Beispiel Vadim Derksen, einer der Attackierten genüsslich aus. Er verkündete: „Wir bieten Herrn Kosslick nochmals an, den durchaus sehenswerten Film gemeinsam in den Stadtteilen Neukölln oder Kreuzberg auf großer Leinwand zu zeigen. Außerdem laden wir Herrn Kosslick sowie die Angreifer zum Dialog ein. Wir erwarten eine inhaltliche Auseinandersetzung mit unseren Positionen. Gewalt darf in der politischen Auseinandersetzung jedoch niemals einen Platz haben.“

Den letzten Satz werde ich mir notieren und Herrn Derksen hin und wieder daran erinnern. Dass er den Film vielleicht doch studieren sollte, zeigt sein komischer Hinweis auf Kreuzberg und Neukölln. Warum ausgerechnet dort? Weil dort Türken und Araber vermehrt leben? Bei denen würde die AfD ja gern den Antisemitismus abladen. Das klingt perfide. Kosslick kommt aus dieser Nummer nur heraus, wenn er tatsächlich nun einen echten Dialog sucht, meinetwegen auch im Kino, „auf großer Leinwand“.

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