Kroatiens Euro-Beitritt in wirtschaftlich prekären Zeiten

Kroatiens Euro-Beitritt in wirtschaftlich prekären Zeiten

Es ist schon eine Weile her, dass die Europäische Union in Feierstimmung war, wie in dieser Woche. Hvala puno, Kroatien!

Das Land wird am 1. Januar den Euro einführen, nachdem die EU-Institutionen die verbleibenden rechtlichen Hürden beseitigt haben. Kroatien erfüllt nun die notwendigen Voraussetzungen bei Themen wie Inflation und Schuldenstand.

In der EU bedeutet die Einführung der Gemeinschaftswährung wirtschaftliche Vorteile durch die Vertiefung der Finanzbeziehungen zu den anderen Euro-Länder und der Europäischen Zentralbank. Die Frankfurter Währungsbehörde lobte den kroatischen Euro-Beitritt als Zeichen der Stärke des gesamten Euro-Raums.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde: "Glückwunsch. Das ist ein Moment zum Feiern. Das 20. Mitglied der Eurozone am 20. Jahrestag der Einführung von Euro-Münzen und -Banknoten. Es ist auch ein Akt der Integration, nicht nur symbolisch in Zahlen. Es ist ein Zeichen, dass wir stärker sind zusammen - und dass die Eurozone und der Euro gemeinsamen Schutz bieten. Gemeinsam sind wir stärker."

Doch Kroatiens Sprung in den Kern der Europäischen Union kommt zu einem wirtschaftlich komplizierten Moment. Das Wachstum ist im Keller, die Preise steigen, und der Krieg in der Ukraine hat eine politische und wirtschaftliche Unsicherheit geschaffen wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Und die Angst, Moskau werde Europa den Gashahn zudrehen, hat den Euro nach unten gedrückt, zur Parität mit dem Dollar. Das treibt den relativen Ölpreis in die Höhe und damit auch die Inflation. EU-Währungskommissar Paolo Gentiloni hatte dafür eine elegant formulierte Warnung.

"Was die Situation, in der wir gerade sind verschlechtern könnte, wären Angebotskürzungen und Verknappungen. Dies könnte das gegenwärtige Bild von einem lediglich gebremsten Wachstum verändern. Noch sind wir nicht im negativen Bereich."

Viel Schlechtes könnte also passieren, muss aber nicht.

Dazu ein Interview mit William De Vijlder, Chefvolkswirt bei der Bankengruppe BNP Paribas.

Euronews: Eine einfache Frage zum Anfang: Sind wir auf dem Weg in eine Stagflation oder eine Rezession? Und was wäre schlimmer?

De Vijlder: Kurzfristig, denke ich, haben wir eine Stagflation, weil wir noch immer eine hohe Inflation haben. Das dauert, bis diese zurückgeht. Zugleich wird das Wachstum immer schwächer. Ich würde also von einer Stagflation Light sprechen.

Euronews: Viele Experten sehen den Höhepunkt der Inflation im dritten Quartal und dann einen Rückgang. Andere erwarten eine längere Periode der Inflation. Was ist ihre Einschätzung?

De Vijlder: Solange es keine weiteren Schocks gibt, schließe ich mich der ersten Gruppe an. Tatsächlich können wir für den Herbst mit einem Höhepunkt der Inflation rechnen. Grund ist, dass wichtige Indikatoren der Teuerung, etwa Preisentwicklungen, Kauf- und Verkaufsabsichten von Unternehmen bereits zurückgehen. Und das bedeutet, dass wir praktisch auf dem Inflationshöhepunkt sind.

Euronews: Die EZB musste Kritik einstecken, weil sie zu wenig zur Inflationsbekämpfung getan habe. Ist das gerechtfertigt?

De Vijlder: Hinterher ist man immer klüger. Alle Volkswirte haben sich getäuscht, wir auch. Zunächst mal haben wir es mit einer Serie von Schocks zu tun gehabt. Dann war die Inflationsentwicklung sehr viel breiter. Schließlich gab es die großen Stimuluspakete während der Covid-Krise. All das hat dann zu einem starken Anziehen der Preise geführt, was alle überrascht hat. Also, aus der Rückschau betrachtet könnte man sagen, eine restriktivere Geldpolitik hätte früher beginnen können.

Euronews: Es gibt derzeit viel Getöse um die Euro-Parität zum Dollar, etwas, was wir seit 20 Jahren nicht mehr gesehen haben. Ist das nicht eine potenziell gute Nachricht für die exportorientierte Wirtschaft Europas, vor allem Deutschlands?

De Vijlder: Das ist auch der einzige Bereich, für den dies eine gute Nachricht ist, nämlich die Wettbewerbsfähigkeit von Exporten. Wir müssen aber realistisch sein. Zum einen ist die effektive Umtauschrate des Euro im Vergleich zu den Währungen von allen Handelspartnern verglichen mit dem Dollar weniger zurückgegangen. Zum anderen kühlt sich auch die US-Wirtschaft deutlich ab. Das heißt, unsere Wettbewerbsfähigkeit nimmt zu, aber die europäischen US-Importe gehen deutlich zurück. Deswegen dominieren die negativen Auswirkungen für die europäische Wirtschaft, vor allem eine Inflation der Importpreise.

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