Das neue Bayer-Juwel, das Bayern einen Korb gab

Wenn Xabi Alonso seine Jungs am 15. Juli zur ersten Trainingseinheit der neuen Saison begrüßt, startet nicht nur die heiße Zeit, in der etablierte Kräfte ihren Platz in der Mannschaft festigen wollen. Es ist zugleich auch die Phase, die zahlreiche junge Spieler und so manche noch weitgehend unbekannte Gesichter nutzen wollen, um sich bei ihren Trainern für höhere Aufgaben zu empfehlen. In Leverkusen wird unter denen ein erst 16 Jahre alter Italiener sein: Andrea Natali - wie man hört, ein großes Versprechen für die Zukunft.

Bayer holte ihn unlängst vom ruhmreichen FC Barcelona, um sich perspektivisch noch breiter aufzustellen. Zunächst ist Natali, für den gemäß den internationalen Regularien nach Ablauf seines Vertrages im letzten Monat nur eine Ausbildungsentschädigung von 100.000 Euro fällig war, zwar nur in der U19 eingeplant. Doch schon zum Start der langen Vorbereitung wird das Abwehrtalent bei den Profis und Alonso vorspielen, später sogar mit ins Trainingslager fahren, damit sich der spanische Erfolgscoach ein genaues Bild seines Entwicklungsstandes machen kann.

Soweit zumindest die grobe Idee. In der Youth League soll Natali anschließend noch wertvolle Erfahrung sammeln und kontinuierlich an den Bundesligakader herangeführt werden, wobei erste Einsätze aufgrund der qualitativ und quantitativ starken Konkurrenz dort wohl etwas zu früh kommen. Trotzdem eine gute Chance, die ihm bei Barca in dieser Form nicht geboten wurde - und ein wichtiges Argument für die Werkself darstellte. Denn Leverkusen war bei Weitem nicht der einzige Klub, der reges Interesse bekundete.

Auch der FC Bayern hatte zu Natali Kontakt

Was beachtlich ist: Im Poker um das viel umworbene Top-Talent setzten die Rheinländer auch gegen den FC Bayern durch, wie dessen Vater Cesare Natali durchblicken ließ. Die Münchner „hatten Kontakt aufgenommen, aber da stand die Entscheidung für Leverkusen schon“, sagte er gegenüber der Bild und führte weiter aus: „Bayer war schon vor Gewinn der Meisterschaft und des Pokals ein Top-Klub mit einer hervorragenden Infrastruktur und Organisation. Andrea wollte nach einer tollen Zeit bei Barca den nächsten Schritt machen.“

Das Projekt in Leverkusen habe der Natali-Familie vor allem deswegen zugesagt, weil sich der Youngster gleich im Training unter Alonso beweisen darf. „Bayer hat von Anfang gegenüber Andrea die Absicht gezeigt, ihn so schnell wie möglich für die Profis aufbauen zu wollen. Jetzt liegt es an Andrea. Wir werden sehen, wie schnell es gehen kann. Vielleicht kann er es ja weiterbringen als ich. Aber Andrea ist ein Junge, der sehr professionell und lernwillig ist“, erklärte Cesare Natali, der früher selbst 312 Spiele in der Serie A bestritten hat, unter anderem für Florenz, Atalanta und Bologna.

Cesare Natali stellte obendrein klar, wie „herausragend“ er den menschlichen Umgang in der Führungsriege fand. „Kim Falkenberg (Kaderchef; An. d. Red.) hat sich sehr um Andrea bemüht und ihm das Gefühl gegeben, dass man bei Bayer auf ihn setzt. Bei der Vertragsunterzeichnung habe ich Simon Rolfes erstmals persönlich kennengelernt. Er hat große Ambitionen, um Leverkusen noch weiterzuentwickeln.“ Neben den Bayern sollen die Rheinländer auch andere große Klubs wie die italienischen Spitzenteams Juventus Turin oder AC Mailand ausgestochen haben.

Hilft Natali das Beispiel Wirtz?

Bei Bayer hoffen sie insgeheim, dass Natali, der neben Italienisch bereits Englisch, Spanisch und Katalanisch spricht und so schnell wie möglich Deutsch lernen will, einen zumindest ansatzweise so steilen Aufstieg wie Florian Wirtz seinerzeit hinlegen kann. Zur Erinnerung: Auch der heutige Nationalspieler wechselte im jungen Alter von gerade mal 16 Jahren nach Leverkusen und durfte sich auf Anhieb im Profi-Team zeigen, während es sein Ex-Klub, der 1. FC Köln, schlichtweg versäumt hatte, ihm rechtzeitig eine entsprechende Perspektive zu vermitteln.

Über die passenden Anlagen scheint Natali jedenfalls schon mal zu verfügen. Der am 28. Januar 2008 geborene Innenverteidiger wechselte 2020 aus Milans Jugendakademie zu Espanyol, wo er wegen seiner geschickten Zweikämpfe und seinem guten Aufbauspiel sofort den Scouts des FC Barcelona aufgefallen war, die ihn lediglich ein Jahr später in die weltbekannte Talentschmiede „La Masia“ holen konnten. Dort stieg der damals 15-Jährige wiederum schon im letzten Sommer in die U18 auf, kam zu regelmäßigen Einsätzen - und wusste wie in Italiens Nachwuchsteams zu überzeugen.

„Auf Sicht bringt er alle Voraussetzungen mit“

Letzteres ist gar nicht lange her. Noch im Juni gewann Natali mit der italienischen U-17-Auswahl die Europameisterschaft und stand nach einer Roten Karte in der ersten Partie ab dem letzten Gruppenspiel bis zum Finale jeweils über 90 Minuten auf dem Platz. Maurizio Viscidi, einer der Verantwortlichen, sprach danach gar über die Angst, dass der so stark aufspielende Bayer-Neuzugang das Nationaltrikot wechseln könne und er deswegen schnell ein A-Länderspiel absolvieren solle: „Er lebt in Spanien und hat seit fünf Jahren einen spanischen Pass. Sollten wir ihn nicht für Italien einberufen?“

Alles Sorgen, mit denen sich Leverkusens Geschäftsführer Rolfes fürs Erste nicht befassen möchte. Vielmehr gab der 42-Jährige zu verstehen, wie sehr er sich über Natalis Entschluss freue. „Auf Sicht bringt er alle Voraussetzungen mit, um ein wesentlicher Faktor für unsere Werkself der Zukunft zu werden“, wurde Rolfes auf der vereinseigenen Homepage zitiert. Heißt auch: Sie werden dem jungen Italiener die nötige Zeit lassen, um sich im neuen Umfeld bestmöglich entwickeln zu können.